Berlin am Rand der Massenkarambolage

Paris, Passerelle Simone de Beauvoir

Pure Pein stand im Gesicht des jungen Mannes, der durch die Menschenmenge direkt auf mich zustürzte, eine Kollision schien unvermeidbar. Sein Gesichtsausdruck machte klar: Er war nicht einverstanden mit dem Weg, den sein Körper eingeschlagen hatte, doch er fühlte sich ihm ausgeliefert. Ich gab im letzten Moment nach und trat zur Seite. Dafür rannte mich fast eine bullige Frau nieder, die gerade der entgegengehaltenen Zeitung eines Abo-Werbers auswich. Mindestens zehn Stoffmäuse baumelten an ihrem Rucksack. Die sollten wohl ausdrücken, dass sie ansonsten ganz lieb war.

Nach einem weiteren Beinahezusammenstoß vor den Schönhauser Allee Arcaden in Prenzlauer Berg begann mich die Sache zu interessieren. Vom Fitnessstudio im zweiten Stock des Einkaufszentrums hat man eine gute Draufsicht auf den Platz davor. Dort ließ ich das Rushhour-Getümmel, das sich unten abspielte, auf mich wirken. Als seien sie lebendige Kanonenkugel schossen Passanten aus allen Richtungen kreuz und quer. Ein Zusammentreffen von ungelenken Berliner Körpern auf engstem Raum, ohne Regie und Choreografie….

Read Full Article »

Punkt, Punkt, Komma, Strich

Die Berufsjugendlichen unter meinen Lesern werden mich dafür hassen, aber was mir als altem Comicfan wirklich die Lust an Bildergeschichten genommen hat, sind Mangas. In der Japan-Euphorie, die Mitte der 90er-Jahre auch in meinem Umfeld einzog, war daran kein Vorbeikommen mehr. Noch immer rennen vermutlich die Fans von damals, bedauernswerte Geschöpfe, mit den Manga-Tattoos auf ihren Schulterblättern herum, wo die welker werdende Haut die debilen Kulleraugenkreaturen zu grotesken Grimassen verzerrt….

Read Full Article »

Der RAF-Film: Untergang und nationale Erhebung

Ein laues Lüftchen umweht mich, als ich kurz vor Schluss noch in den Kaufhof am Alexanderplatz eile. Der Securitymann am Eingang hält mir die Tür auf. Wir verstehen uns, er sorgt für meine Sicherheit, ich sorge für Umsatz. Die kurz geschorenen Haare, der ernste Blick – wir sehen uns sehr ähnlich. Es geht um Respekt, wir nicken uns zu, die Geste vereint zwei Klassen der Prekären, den Mann für das Grobe und den Medien-Freelancer, die Hand und den Kopf. Diese kurze Begegnung ist es nicht allein, noch mehr, ein Gefühl von Rettung und Versöhnung, liegt in der Luft. Ich spüre: Alles wird gut.

Später, an der Straßenbahnhaltestelle, habe ich Eindruck, dass weniger blaues Flimmern als üblich aus den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser strahlt. Die Leute schauen kein Fernsehen – was machen sie sonst? Die Frage ist überflüssig, ich weiß die Antwort: Sie lesen Zeitung, Magazine, hohe Stapel liegen vor ihnen, „Spiegel“, „Süddeutsche“, „FAZ“, „Tagespiegel“, auch die neue Ausgabe der Berliner Stadtmagazins „Tip“, auf dessen Cover die Macher und Mimen des „Baader Meinhof Komplex“ wie auf einem RAF-Fahndungsplakat abgebildet sind. …

Read Full Article »

Auch Kameras müssen sterben

Canon Powershot A70: das letzte Foto

Dies ist das letzte Foto, das meine Digitalkamera heute aufgenommen hat, bevor sie das Zeitliche segnete. Kein Licht am Ende des Tunnels, von dem Menschen berichten, die eine Nahtoderfahrung hinter sich haben, kein Wiedersehen mit längst verstorbenen Lieben. Stattdessen: violette Balken. Was für ein trister Blick ins Jenseits. Ein Film wie „Flatliners“ (USA 1990) aus der Sicht einer Kamera würde bestimmt zum Flop….

Read Full Article »

Die FAZ segelt unter Piratenflagge

Piratenflagge von Rack Rackham

„Ein zweifelhaftes Symbol für Kinderspiel, Revoluzzertum
und Abenteuerlust“ (FAZ), Piratenfahne (Quelle
/CC)

Was ist nur mit der „FAZ“ los? Heute überraschte mich am Kiosk das Titelblatt der „Frankfurter Allgemeinen“ mit einem großen Jolly Roger samt Totenschädel und gekreuzten Säbeln zum Thema „Piratenjagd im Golf von Aden“. Und vorgestern war R. C. James’ Foto vom Dalmatiner abgebildet. Alles in schönem Schwarz-Weiß, was meinen ästhetischen Vorstellungen für die Texts for Robots zufälligerweise sehr nahekommt. …

Read Full Article »

Die Angst vor dem Blickkontakt: Lebenshilfe für Nerds

Die unbekannte Schöne sagt Hallo oder etwas Ähnliches, ich weiß es nicht, ich spreche kein Japanisch. Dass sie zuvor fast eine Minute lang geschwiegen und dem Betrachter des Videos dabei scheinbar in die Augen geschaut hat, ist eine Dienstleistung oder – mehr noch – Angebot einer Verhaltenstherapie. Denn das Zielpublikum des Videos, das der japanische Unterhaltungskonzern Avex mit weiteren virtuellen Stelldicheins mit jungen Frauen auf der DVD „Miteru dake“ (Just Looking) vertreibt, sind anscheinend männliche Wesen gleichen Alters, die zu viel Zeit vor dem Computer und zu wenig mit Mitmenschen verbringen. …

Read Full Article »

Flirt in der Rushhour

Tokio Businessmen Zwischen den Stationen Mohrenstraße und Stadtmitte füllte sich der Wagen der Berliner U-Bahn-Linie U2 mit jungen Männern aus den umliegenden Bürohäusern. Abschätzig musterten sie gegenseitig ihre billigen Anzüge. Einer von ihnen hatte sich frech zur Sitzbank vorgedrängt. Breitbeinig sitzend nahm er dort zwei Plätze ein, einen dritten beanspruchte eine 1,5-Liter-Wasserflasche, die er neben sich abgelegt hatte. Ganz sicher wirkte er in seiner provokativen Pose nicht. Den Blicken verärgerter Fahrgäste, die wegen ihm stehen mussten, wich er scheu aus.

Richtig nervös wurde er, als der Boss hereinkam. Nicht sein Boss, auch nicht bloß der Boss von jemand anderem, es war der Boss an sich. Der Mann war Ende 50. Die Furchen in seinem Machtgesicht erzählten von einsamen Entscheidungen. Die Beulen auf seinem Marken-Rollkoffer aus Aluminium, den er mit Verachtung fürs Material in die Ecke gewuchtet hatte, berichteten von eiligen Taxifahrten zu Fernflügen, von gerade noch rechtzeitig erreichten internationalen Treffen. Das heißt, sie taten dies, wenn man Lust hatte, es aus ihnen herauszulesen. …

Read Full Article »

Testbilder des Todes

Dieser Tage bin ich wie zu jedem Monatsanfang schwer beschäftigt in der hippen Magazinwelt. Testbild mit Pfeifton war gestern, deswegen gibt es zur Sendepause zwei hübsche Filmausschnitte, die nachdenklich wenn nicht betroffen machen.

Der flott geschnittenen Szene aus „Ecstasy of the Angels“ (1972) von Wakamatsu Koji entnehme ich die Erkenntnis, dass in Japan Anfang der 70er-Jahre nicht Ego-Shooter oder Gangsta-Rap Auslöser exzessiver Gewalt desorientierter junger Menschen waren, sondern: Free Jazz. Als „weapons of mass destruction“ agieren die Jungs vom Yosuke Yamashita Trio an den Instrumenten. Die Erschöpfung, die einer solchen Hyperaktivität folgen muss, wirkt bis heute nach, weswegen Zehntausende Teenager heute Hikikomori sind. (YouTube-Direktlink, entdeckt auf WFMU.)…

Read Full Article »

Musik für vergessene Bücher

Momus – „Boring Books“ (2008)

Die Bücher, deren Cover in diesem Musikvideo aneinandermontiert sind, sehen aus wie die Ladenhüter, die in Antiquariaten in den Regalen für wissenschaftliche Literatur verstauben. In ihrem Wissensstand schon längst oder sehr bald hoffnungslos veraltet, zurückgelassen von einem Apparat der Gelehrsamkeit, der in einem weltweiten Wettbewerb der Theorien und Studien unaufhaltsam voranschreitet. Nur bringt es der Antiquar, der noch einer anderen, älteren Idee des Buches nachhängt, nicht übers Herz, sie in die Altpapiersammlung zu geben.

Das Video hat Nick Currie aka Momus produziert, ein in Schottland geborener Musiker, der in Berlin lebt. Die Minimal-Musik, über die Momus die Buchtitel vorliest, als würde er Zeichenfolgen einer unverständlichen Fremdsprache artikulieren, stammt von Alvin Lucier. Wenn ich Click Opera lese, das Blog von Momus, bin ich immer wieder erstaunt, mit vielen Themen zwischen Musik und Film, Kunst und Mode sich der Mann beschäftigt. Und mit welcher Energie. Großes Vorbild.

Randvoll mit Fotos

Ich muss dem Kollegen von Coffee and TV in seinem unermüdlichen Kreuzzug beipflichten: Bildergalerien in den Onlineausgaben der Tagespresse sind meist nichts anderes als „Klickschinderei“. Irgendwelches Bildmaterial von Agenturen oder freien Fotografen wird so für das Netz aufbereitet, dass Leser für eine magere Ausbeute an Interessantem möglichst viele Page-Impressions liefern. Und an dem traurigen Zustand vieler Bildunterschriften lässt sich ablesen, welche Relevanz die Redaktionen dem Onlinebereich beimessen. (Wie ich vor ein paar Tagen bereits beklagt habe, ist das auch die Masche von anderen Infoschrott-Produzenten im Internet.)…

Read Full Article »