Zwischen den Stationen Mohrenstraße und Stadtmitte füllte sich der Wagen der Berliner U-Bahn-Linie U2 mit jungen Männern aus den umliegenden Bürohäusern. Abschätzig musterten sie gegenseitig ihre billigen Anzüge. Einer von ihnen hatte sich frech zur Sitzbank vorgedrängt. Breitbeinig sitzend nahm er dort zwei Plätze ein, einen dritten beanspruchte eine 1,5-Liter-Wasserflasche, die er neben sich abgelegt hatte. Ganz sicher wirkte er in seiner provokativen Pose nicht. Den Blicken verärgerter Fahrgäste, die wegen ihm stehen mussten, wich er scheu aus.
Richtig nervös wurde er, als der Boss hereinkam. Nicht sein Boss, auch nicht bloß der Boss von jemand anderem, es war der Boss an sich. Der Mann war Ende 50. Die Furchen in seinem Machtgesicht erzählten von einsamen Entscheidungen. Die Beulen auf seinem Marken-Rollkoffer aus Aluminium, den er mit Verachtung fürs Material in die Ecke gewuchtet hatte, berichteten von eiligen Taxifahrten zu Fernflügen, von gerade noch rechtzeitig erreichten internationalen Treffen. Das heißt, sie taten dies, wenn man Lust hatte, es aus ihnen herauszulesen.
Der junge Mann jedenfalls machte große Augen. Und schon begann er zu flirten: Immer wieder blickte er in Richtung Boss und dann schnell wieder weg. Dass ihn dieser mit unbewegter Miene ignorierte, schien den Machtverliebten noch anzustacheln. Bald war ihm eine mächtige Erektion gewachsen. Nicht in natura – die Wasserflasche hatte er, gebannt vom Anblick des Bosses, zwischen seine Leisten geklemmt, wo sie sich wie ein Dildo von 30 Zentimeter Länge erhob. Ein Phallussymbol?
Erst als der Boss zwei Stationen weiter wieder ausgestiegen war, entspannte sich der junge Mann. Beiläufig griff er zur Flasche zwischen seinen Beinen und nahm einen Schluck. Was das symbolisiert, will man lieber nicht wissen.




Nachdem ich das so schön harmlose Foto erblickte, war ich auf eine unschuldige Romanze eingestimmt. Ein wirklich überraschendes Fundstück folgte!
Die Wasserflasche stelle ich mal besser wieder zur Seite. :-)
@Schaffner – Wie ich sehe, hat der Herr Schaffner ein ganzes Blog der U-Bahn gewidmet. Für mich ist das Fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln gruselig und faszinierend zugleich, zumindest wenn ich mich nicht mit Sonnenbrille und MP3-Player gegen die Umgebung abdichte. Die erzwungene Nähe von Menschen, die normalerweise in sauber voneinander abgegrenzten Territorien der Stadt leben, ist auf alle Fälle ein guter Anlass für Beobachtungen und seltsame Geschichten, etwa vom Fünf-Minuten-Terror oder von unheimlichen Begegnungen.
@rp – Also die Messergeschichte fand ich lustig. Und wenn wir mal ehrlich sind – vielleicht sollten sie ja nur der Vorbereitung eines Candle-Light-Dinners dienen…
Wenn den Du Dich „abgedichtet“ in den U-Bahn-Verkehr stürzt, entgehen Dir aber auch schöne Begegnungen. Sicher gehören Leute wie Rüdiger ebenso dazu – aber das ist Berlin! Diese gewisse Faszination, die von dem Großstadtkonglomerat ausgeht, hast Du ja auch angedeutet…
@Schaffner – Okay. Aber bis auf Weiteres bin ich für die dunkle Seite zuständig …
[…] mich. Eine Geschichte erschien vor meinem geistigen Auge, eine Bloggeschichte, in der eine solche Wasserflasche bei der U-Bahn-Fahrt eine symbolstarke Rolle gespielt hat. Ruckartig riss ich die Wasserflasche weg und stellte sie zur […]