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Montag, 15. September 2008, Kategorie: Lifestyle, Panoptikum.

Die unbekannte Schöne sagt Hallo oder etwas Ähnliches, ich weiß es nicht, ich spreche kein Japanisch. Dass sie zuvor fast eine Minute lang geschwiegen und dem Betrachter des Videos dabei scheinbar in die Augen geschaut hat, ist eine Dienstleistung oder – mehr noch – Angebot einer Verhaltenstherapie. Denn das Zielpublikum des Videos, das der japanische Unterhaltungskonzern Avex mit weiteren virtuellen Stelldicheins mit jungen Frauen auf der DVD „Miteru dake“ (Just Looking) vertreibt, sind anscheinend männliche Wesen gleichen Alters, die zu viel Zeit vor dem Computer und zu wenig mit Mitmenschen verbringen.

Geeks oder Nerds mit Kontaktschwierigkeiten, in Japan als Hikikomori bekannt (ich weiß, ich wiederhole mich), sollen durch dieses visuelle Sozialtraining lernen, Blickkontakt auszuhalten, vor allem mit Frauen. Auf der Website der Firma sind noch Beispiele anderer „Sozialhelferinnen“ zu sehen, darunter ein jüngeres Mädchen, eine Seniorin und eine Frau europäischer Herkunft.

Die sagt allerdings nichts und schaut nur. Vermutlich kann sie auch kein Japanisch. Oder sie muss sich konzentrieren, es ist schließlich gar nicht so leicht, eine Minute stillzuhalten, wie folgende Selbstdarstellerin beweist:

Wenn man sich den YouTube-Channel der Grimassenschneiderin anschaut, wird allerdings schnell klar, dass sie kaum eine Lösung des Problems anbietet (oder sein will) – sie ist selbst der größte Nerd von allen. Ein Problem scheint sie damit nicht zu haben. (Vorsicht: Nach zwei bis drei ihrer Videos drohen ernsthafte Schäden für die geistige Gesundheit.)

Die sterile Laborsituation, in der die „Miteru dake“-Ladys dagegen präsentiert werden, herausgelöst aus jeder sozialen Umgebung und Interaktion, macht jedenfalls deutlich, dass die Macher der DVD auch schon schwere Zeiten hinter sich haben. Das sehnsuchtsvoll ausgemalte und zugleich gefürchtete Frau kann für sie gar nicht mehr anders erscheinen denn als Projektion auf einem Silver Screen. Lebenshilfe? Die sieht wohl anders aus.

Das „echte“ Leben bietet außerdem ein Spiegelkabinett der Blicke, das nicht so leicht zu kontrollieren ist: „I was looking back to see if you were looking back at me to see me looking back at you“, beschreibt eine Songzeile im Klassiker „Safe From Harm“ von Massive Attack das Durcheinander der Sichtverhältnisse.

Vielleicht sollte man als schüchterner Mensch eher ein reaktives Bild von MotionPortrait zum Üben verwenden, da kann man zumindest als virtuelle Stubenfliege ein weibliches Computerwesen mit dem Cursor nerven. Und den Bildschirm verlassen muss man dafür ebenfalls nicht.



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