Ihr Bild, mein Körper, eine Ansteckung

Sam Taylor-Woods Video „Hysteria“ liefert eine Ton-Bild-Schere anderer Art. Man sieht das Gesicht einer Frau, einen Ausdruck unbeherrschter, exzessiver Emotionen, der vom Lachen zum verzweifelten Schreien übergeht – allerdings bleiben die Bilder stumm. Im „Selbstversuch“ als Betrachter scheinen mir die acht Minuten des Videos nahezu unerträglich zu sein, ich fühle mich körperlich angegriffen. [Weiterlesen…]

Experten in der Text-Bild-Schere

Foto: Infatuated (cc)

Die Text-Bild-Schere ist das, was die Macher des Nachrichtenfernsehens fürchten: Die gesprochenen Texte, Moderationen, Kommentare und Berichte, erläutern nicht, was zu sehen ist, die Bilder illustrieren nicht, was gesprochen wird – die Zuschauer sind orientierungslos und „steigen aus“. Die meisten Text-Bild-Zuordnungen sind aber nicht selbstverständlich, sie unterliegen Konventionen, die vom Publikum gelernt werden müssen wie Ausdrücke einer Sprache. [Weiterlesen…]

Ohnmacht gemeinsam genießen

Vigelandpark, Oslo, Norwegen

Foto: Icars (cc)

Die nur als Kritik richtige Erkenntnis, ein jeder sei einstweilen ein armer Teufel, dumm und unterdrückt, führt nicht mehr zu verletztem Stolz und wütendem Aufbegehren, sondern sie wird schamlos breitgetreten und als beglückendes Erlebnis einigender Verbundenheit in gemeinsam ertragener Unterdrückung genossen.

Wolfgang Pohrt: „Nutzlose Welt. Ohnmacht im Spätkapitalismus“ (1973)

Wo sind die Slums von Blog-City?

Bei Medienlese scheint man einen guten Freitagabend gehabt zu haben, tags drauf gedeihen bekanntlich die Metaphern am besten. Und entwickeln eine eigene Dynamik. Mit Blick auf die „Allensbacher Computer- und Technik-Analyse 2008″ heißt es dort, das deutschsprachige „Bloghausen“ wachse zur „Großstadt“.

Vom Dorf zur Metropole: Folgerichtig „zerfällt“ auch die Blogosphäre in Downtown-Sektionen und in die grünen Vorstädte mit ihren Miezekätzchen und Kakteenexperten; es gibt geschäftsorientierte Kommerz- und Industrieregionen und zerfallende Slums, schnieke Einkaufsviertel und nerdige Kneipenszenen.

Dabei dachte ich bisher, in der deutschsprachigen Blog-Szene würden Studentenwohnheime vorherrschen. Und verlassene Industrieareale, in denen sich unzählige Ein-Mann-Sweatshops eingenistet haben. Außerdem: „zerfallende Slums“? Wo bitte? Gibt es Touren mit Führung?

Verloren im Archiv

Bibliothek

Foto: Thomas Hawk (cc)

„Lesen ist Fernsehen im Kopf“, lautete ein dummer Werbeslogan des Buchhandels, der vor etlichen Jahren Stimmung für „das gute Buch“ machen sollte. Dumm, weil er andeutet, dass Fernsehen umgekehrt nicht „im Kopf“ stattfindet, sondern – im Magen? Zwischen den großen Zehen? Fressen, F_cken*, Fernsehen, das sind bekanntlich die drei Fs, mit denen das deutsche Privatfernsehen seit seinen Anfangstagen, aus denen der Slogan datiert, Bildungsbürgern Angst um das kulturelle Erbe des Abendlandes macht.

Die Verortung des Lesens im Kopf, in einer immateriellen Sphäre des Geistes, führt auch schon deswegen in die Irre, weil sie vergessen macht, dass, wer viel liest und vielleicht auch noch schreibt, unglaubliche Mengen von Material anhäuft, Bücher, Magazine, Manuskripte. Spätestens beim Umzug in eine andere Wohnung zeigt sich, dass das, was in der europäischen Geistesgeschichte als bloßes Transportmittel für federleichte Gedanken gilt, tatsächlich eine behäbige Masse von beträchtlichem Gewicht darstellt. [Weiterlesen…]