Log in | Jump |
Mikrotexte auf Twitter

Kategorien

Archiv

Seiten

HomeZurück zur Startseite
Dienstag, 28. Oktober 2008, Kategorie: Betroffenheitslyrik, Kunst, Medien.

Sam Taylor-Wood – „Hysteria“ (1997)

Sam Taylor-Woods Video „Hysteria“ liefert eine Ton-Bild-Schere anderer Art. Man sieht das Gesicht einer Frau, einen Ausdruck unbeherrschter, exzessiver Emotionen, der vom Lachen zum verzweifelten Schreien übergeht – allerdings bleiben die Bilder stumm. Im „Selbstversuch“ als Betrachter scheinen mir die acht Minuten des Videos nahezu unerträglich zu sein, ich fühle mich körperlich angegriffen.

Das nichts mit Empathie nach herkömmlichem Verständnis zu tun. Die Frau, wahrscheinlich eine Schauspielerin, bleibt mir fremd, es kommt keine Anteilnahme auf, die Nähe zu der Unglücklichen herbeischwindelt. Die Szene ist von jeder sozialen Situation abstrahiert und in keine Filmhandlung eingebettet, die etwa einen Anlass für den Gefühlsausbruch zeigt. Das Schauspiel, das mir das Kunstvideo bietet, ist extrem, künstlich und unglaubwürdig (in Bezug auf die sozialen Codes, die in meinem alltäglichen zwischenmenschlichen Umgang „Glaubwürdigkeit“ herstellen).

Aber dennoch ereignet sich so etwas wie eine „emotionale Ansteckung“, die die Grenzen zwischen mir und dem Dargestellten durchlässig macht. Warum? Das Fehlen der Tonspur zum Affektbild erzeugt womöglich einen Drang, das Fehlende zu ergänzen.

Auf diese Weise werde ich als Betrachter involviert – in einer medialen Versuchsanordnung, die zwei Mechanismen überblendet: einen psychologischen Mechanismus, der in einer Face-to-Face-Kommunikation das Miteinander von Menschen synchronisiert, und einen der Medienrezeption, der den Konsumenten zum Koproduzenten von „Sinn“ macht (wie es beispielsweise John Fiske in seiner Medientheorie annimmt).

Die Produktivität als Medienkonsument, im Zuge der britischen Cultural Studies oft zur Strategie der Selbstermächtigung hochgelobt, wurde mir im Fall von Taylor-Woods Video zum Verhängnis. Indem ich darüber schreibe, schaffe ich mir die Bilder wieder vom Leib.

Die Künstlerin Sam Taylor-Wood, geboren 1967, war als „Young British Artist“ 1997 bei Charles Saatchis „Sensation“-Ausstellung beteiligt und wird vertreten von der Londoner Galerie White Cube.




Ähnliche Blogbeiträge (automatische Auswahl):

  1. Etwas Besseres als der Dezember
  2. Experten in der Text-Bild-Schere



Kommentare mit RSS-Feed verfolgen. Einen Kommentar schreiben. Einen Trackback setzen.

Einen Kommentar schreiben

Kommentare sind erwünscht, nur zu! Der erste Kommentar eines Lesers wird moderiert, danach gibt es einen Vertrauensvorschuss. Beleidigungen, Verleumdungen sowie Werbung und SEO-Spam haben hier aber nichts verloren (siehe Kommentarregeln in der About-Seite).

Die eingegebene E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht oder weitergegeben. Die mit * markierten Felder müssen ausgefüllt werden.

*
*