
Foto: Oliver Lavery (cc)
Verlierer der Einheit wird eines Tages auf meinem Grab stehen. Es ist wahr, die Folgen der Wiedervereinigung killen mich, die Waffe steckt in einer hässlichen braun-weißen Zigarettenschachtel, 17 Schuss pro Salve – meine Lieblingsmarke ist ein Überbleibsel der DDR (aber längst von einem großen westdeutschen Tabakkonzern aufgekauft).
Die Zeit der heißen Debatten nach Einsetzen des Rauchverbots ist mir noch in guter Erinnerung, unversöhnlich gaben sich die Kontrahenten. Als ich Anfang des Jahres erstmals mit der Zigarette im Mundwinkel vor Cafés im Regen stand und dort die Schadenfreude von vorbeikommenden Nichtrauchern über mich ergehen lassen musste, schossen mir ebenfalls viele nicht zitierfähige Boshaftigkeiten durch den Kopf.
Viel schlimmer war allerdings, was passionierte Raucher in ihrem Rückzugsgefecht an Unfug von sich gaben. Selbst vernünftige Leute holten weit aus, um ihr Laster zu rechtfertigen, kramten Boheme-Klischees aus dem 19. Jahrhundert hervor, suchten Schützenhilfe bei kettenrauchenden Philosophen wie Gilles Deleuze, fabulierten nach Art eines Georges Bataille einen Zusammenhang zwischen Selbstermächtigung und Selbstauslöschung herbei und erklärten ihren Aschenbecher zum Widerstandsnest gegen eine Zurichtung der Welt nach „Gattaca“-Maßstäben. (Der Berliner Medientheoretiker Friedrich Kittler macht da keine Ausnahme.)
Einigen Qualm dieser Diskussionen findet man in einem hübschen Tabak-Special der heutigen „NZZ“ wieder.
Raucher sind kommunikativ, durfte Schriftsteller Peter Bichsel in Manhattan erfahren.
Vor 20 Jahren spazierte ich durch den Central Park in New York, rauchte eine Zigarette und trotzte den missbilligenden Blicken. Da baute sich ein Mann vor mir auf und sagte: „You’re a smoker?“ „Yes I am“, sagte ich. Und er lächelte und sagte: „Me too“, zog eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche, zündete sich eine an, und wir sprachen über Gott und die Welt und über das schöne Wetter.
Die wilden Jungs rauchen, die Frauen finden das gut, erkannte Robert Schindel als ungeliebter Teenager – wegen Belmondo versuchte er sich an Gauloises.
Plötzlich sind alle im Kino und schwärmen ihn an: Boxernase, Wuschelhaare, große Ohren, Triefaugen, aber das stört die Frauen nicht. Sie beten ihn an. An der linken Oberlippe klebt eine filterlose Zigarette. Er stirbt auf der Straße vor den Augen der Freundin, die ihn verraten hat. Er pfeift auf sie, bevor er stirbt. Ich gehe ein paar Mal in den Film, ich höre, wie sie alle hin und weg sind von Jean-Paul Belmondo in „Außer Atem“.
Außer Atem ist auch Sibylle Berg, wenn sie jemand mit Zigarettenrauch belästigt.
Das Recht, andere zu belästigen, wie es Raucher wollen, ist absurd. Kinder, ihr riecht schlecht! Ihr macht anderen das Atmen schwer! Man könnte gerade so das Recht einfordern, andere mit Platzpatronen permanent zu beschießen. Wer erwachsen ist und sich freiwillig seiner Sucht hingibt – und glauben Sie, als alter Ex-Raucher weiß ich das: Keiner raucht aus Spaß, rauchen ist ein mieser Job, der erledigt werden muss, es macht dich stinken, schwindelig fühlen, die Zunge ein Pelztier und der Husten bellend –, muss das fein mit sich ausmachen.
Konvertierte Nichtraucher sind bekanntlich die schlimmsten. Für den indischen Schriftsteller Kiran Nagarkar atmet der Raucher dagegen mit jedem Zug den Wahnsinn des 20. Jahrhunderts ein.
Der Erste Weltkrieg konnte einen zweiten, noch grausameren nicht verhindern; der Holocaust war nicht der letzte Genozid. Extremismus und Terrorismus ziehen ihre blutige Spur auch ins neue Jahrtausend; die Börsenspekulationen krachen ein wie der Turm zu Babel; und schlimmer noch, die Zerstörung unserer natürlichen Existenzgrundlagen wird allen guten Absichten und großen Worten zum Trotz so starrsinnig wie unaufhaltsam vorangetrieben. Aber müsste nicht trotz alledem das Eigeninteresse wenigstens in unserem Privatleben ein gewisses Gewicht haben? Dagegen gibt es kein schöneres Beweismittel als eben – das Rauchen.
Interessante Wendung: Normalerweise stehen militante Nichtraucher unter Extremismusverdacht.
Außerdem in der „NZZ“: Judith Hermann berichtet aus der Zeit, als sie als Hostess Besucher durch eine Zigarettenfabrik im Berlin-Neukölln der späten 80er führte, „so wunderschön, so heruntergekommen, dreckig, prächtig grau“. Und Hans Ulrich Gumbrecht, der an der Standford University lehrt, fühlt sich in Kalifornien von „freiwilligen Anti-Rauch-Polizisten“ kontrolliert.




[…] so viele Richtlinien, dass man sich als Raucher schon mal wie ein Krimineller vorkommen kann, auch rpzine.de hat da seine Erfahrungen gemacht und trägt deshalb mal ein paar literarische Ergüsse […]