
Foto: Thomas Hawk (cc).
H. und B. sind nach Berlin gezogen, um hier eine neue Existenz zu gründen. Ihre Wohnung im Norden von Prenzlauer Berg war eine Bruchbude, die die beiden in monatelanger Arbeit bewohnbar gemacht haben. Das blieb offenbar nicht unbemerkt. Heute schrieb mir H. in einer E-Mail, dass jemand Urin in ihren Briefkasten gekippt hat. Und die Notiz hinterlassen hat, dass sie „nicht das Recht haben, diese Wohnung zu kaufen oder zu mieten“. Was für ein Recht? Das Faustrecht, das heißt die Notdurft, mit der hier ein „Eingeborener“ seine „deutsche Scholle“ gegen „Fremde“ verteidigt?
Dass die beiden nicht aus diesem Bezirk (und nicht aus Deutschland) stammen, ist unschwer zu erkennen. H. ist Österreicher, seinen Dialekt hört man leicht raus. B. kommt aus Paris, wo ihre Familie lebt, die in den 70er-Jahren aus Vietnam geflüchtet ist.
Wer steht hinter solchem feigen Psychoterror? Eine linke Kiez-Miliz auf Anti-Gentrifizierungs-Mission gegen den „Yuppie als eine Art Miniaturheuschrecke, die sich das Viertel einverleiben will“? Oder Rechtsradikale, die weiter nördlich, in Pankow, weiterhin ihre Pissmarken setzen? Eigentlich ist es egal, an den Rändern werden sie sich sowieso zum Verwechseln ähnlich: eine Fraktion der Linken, die sich an den Ressentiments des „kleinen Mannes von der Straße“ berauscht und jeden emanzipatorischen Gedanken aufgegeben hat, und Neonazis, die sich bei Globalisierungsgegnern (selbst nicht die Schlauesten) unterhaken, gern im schwarzen Autonomen-Outfit und mit „Palituch“.
Das Zusammenkürzen komplexer globaler wirtschaftlicher und sozialer Zusammenhänge auf dumpfe antikapitalistische Parolen, die auf einem Bierdeckel Platz haben, kommt immer gerade richtig, um irgendwelchen Aktionismus gegen Menschen zu rechtfertigen, denen man die Schuld an der eigenen Misere gibt. Hauptsache, das Logo einer einheimischen Marke steht auf dem Filz.




Das ist: S.h.i.t., was da passiert ist – und der Blog-Eintrag interessant. Zwei Berlin-Sätze, die mir selbst in den vergangenen Tagen untergekommen sind und seither im Kopf herumgehen: „Berlin ist ein Märchenpark“ sowie „Ich fühlte mich wie Berlin.“ Mein ganz persönlicher Zugereist-nach-Berlin-Terror: Überwerfungen mit so gedachten Hauptstadt-Freunden. Aber: Das westdeutsche Mittelgebirge in mir ist stärker, und so lese ich Deine Roboter-Texte immer noch. Gruß, KK
Ich bin mir leider nicht mal sicher, ob man die Verantwortlichen für solche Gemeinheiten unter den eindeutig zu identifizierenden linken und rechten Randgruppen findet.
Am Ende der Rückreise von Deutschland nach Österreich, die aufgrund multiplen Versagens der DB zu einer 14 stündigen Hölle wurde, stieg ich um Mitternacht dann endlich ins Taxi nach Hause.
Der Fahrer, um die 50, schulterlange, graumelierte Haare, Schnurbart und rethorisch eine typische Wiener Schnauze, war scheinbar froh, einen Gesinnungsgenossen in mir gefunden zu haben, nachdem ich ihn kurz über die misslichen Umstände der Fahrt aufgeklärt hatte.
Es folgte eine Tirade über Wiener Magistrate und die dortigen unerhörten Umstände,
die allesamt auf dem Rücken des kleinen Mannes und insbesondere auf dem des Autofahrers ausgetragen würden.
Da ich vollkommen übermüdet war und mich mit den Problemen österr, Autofahrer und den Schikanen der Regierung nicht auskenne, habe ich freundlich genickt und es noch einigermassen lustig gefunden, wie energiergeladen der Typ agierte.
Zur Zeit wohne er in einem Hotel, da es zu Hause bei seiner Freundin, der EDV versierten Checkerin, nicht so gut liefe, er sei aber auch schon vorher mal ein Jahr ohne Wohnung gewesen.
Als wir fast am Ziel angelangt waren, kommt dann plötzlich der Hammer:
er sei ja ganz gewiss kein Rassist, aber insgesamt sei es schon eine Frechheit, was hier im Lande passiere.
Vor allem die Türken könnten sich scheinbar alles herausnehmen, aufgrund ihres Glaubens könnten die alle Gesetze umgehen, und ihre Gemüseläden auch ausserhalb der gesetzlichen Ladenöffnungszeiten offenhalten.
Schlussendlich bliebe nur eine Lösung – ein kleiner Adolf müsse wieder her, denn ohne Führer wird das alles nicht in den Griff zu bekommen sein.
Das war der originale Wortlaut, und ich konnte nur noch schwach protestieren, weil es dann ans bezahlen ging.
Wirklich Angst haben muss man leider mal wieder vor denen, die harmlos aussehen, im echten Leben unterprivilegiert sind und nur auf ihre Chance warten, Druck und Macht auszuüben.
Ich will gar nicht wissen, wieviel Hass hinter gutbürgerlichen Mauern steckt.
Grüsse aus wien, M.
Vergangene Woche war T., ein türkischstämmiger Freund aus München, bei mir zu Besuch. Ich hatte für T. ein Zimmer in einem Hotel im Prenzlauer Berg arrangiert. Als er dort nachts um vier Uhr nach unserer Restaurantrunde aufkreuzte, hielten ihn eine ältere Dame im Foyer, ebenfalls Gast dort, und der Nachtportier für einen bestellten Taxifahrer. Der Frau war das Missverständnis peinlich, der Hotelmitarbeiter grinste nur unverschämt, nach dem Motto: Türken kommen bei uns normalerweise durch den Lieferanteneingang. Eine Frechheit.
Maxim Biller hat den Prenzlauer Berg mal sarkastisch als „national befreite Zone“ bezeichnet, weil man kaum Menschen auf den Straßen antrifft, die nicht nach nordeuropäischer Herkunft aussehen. Auch das ist eine Folge der „Neubesiedlung“ nach der Wende und der rasch steigenden Mieten, Migranten kommen tagsüber zum Arbeiten, etwa in den Imbissen und Lebensmitteläden, nachts fahren sie zu ihren Wohnungen in den „Arbeitervierteln“.
Sollte hinter dem Pisse-Anschlag auf H. und B. tatsächlich ein wie auch immer verdrehtes linkes Motiv stecken, sieht man, wie sehr der Gentrification-Diskurs auf den Hund gekommen ist. Gesprochen wird in Formeln des „Klassenkampfes“, gehandelt wird nach den Mustern der altbekannten „Ausländerfeindlichkeit“.
Für die Widersprüche – da ist jemand wie B. anscheinend „Yuppie“ und zugleich Einwanderkind – sind diese Leute intellektuell nicht gerüstet, deswegen verfallen sie in einen reaktionären Kleine-Leute-Terrorismus.
Damit kein Missverständnis auftaucht: Ich halte solchen Aktionen gegen Mieter in keinem Fall für gerechtfertigt. Bei aller Empörung über die Verdrängung von Armen aus dem „Trendbezirk“: Früher war mal Stand linker Debatten, dass man Verhältnisse bekämpft und nicht Personen.