Wo sind denn die beiden oberen Videos? Nun, der Herr Strandfilmer aus Spanien ist ein wenig launisch, was das Einbetten seiner Filme angeht: Mal lässt er es zu, mal sperrt er die Funktion. Wenn Letzteres der Fall sein sollte, kann man sie per Link unterhalb des Players auf der original Vimeo-Seite sehen. Lohnt sich.
Tourist, die Kälte haftet an dir
Es bleibt kalt, der Winter wird nie mehr enden, das ist gewiss. In dieser Stimmung habe ich eine Sightseeingtour durch das Videoportal Vimeo unternommen – auf der Suche nach Videos, die das lässige Abhängen an Strand und Meer, das für ein beschlagnahmtes Leben entschädigen soll, auf, nun ja, eigenwillige Weise darstellen.
Das Seniorenpaar oben, von dem sich langsam die Dunkelheit zurückzieht, um einem Tag zu weichen, der niemals die strahlende Sonne sehen wird, wurde von Jesús Olmo in Spanien gefilmt. Touristen scheinen sein bevorzugtes Objekt zu sein, wie man an seinen anderen Videos unschwer erkennen kann.
Kulturpessimismus im Reisegepäck
Olmo notiert zu seinen Videos von spanischen Stränden, ihn hätten dazu Erzählungen von J. G. Ballard wie in „Terminal Beach“ (1964) inspiriert. Ich musste an „Cocaine Nights“ (1996) des britischen Schriftstellers denken, worin er in der Form eines Kriminalromans erzählt, wie ein Guerilla-Manager französische und britische Ruheständler an der Costa Del Sol aufmischt, die dort in Leisure-Ghettos und Gated Communities in einen scheintoten Zustand verfallen sind. Der amoralische Charismatiker weckt mit Sex, Drogen und Gewalt die Lebensgeister der gestrandeten Lifestyle-Zombies.
Ballard kommt in seinen Büchern und Kurzgeschichten gern auf den konservativ-kulturpessimistischen Dauerbrenner, wonach unter dem dünnen Häutchen der Zivilisation die Urtriebe brodeln und auszubrechen drohen – aber konfrontiert mit den Themen‑ und Menschenparks der Tourismusindustrie, kann man schon mal in Versuchung kommen, in den Niederungen der Gesellschaftskritik nach Rat und Antwort zu suchen.
Bei meiner bisher einzigen Begegnung mit einem Club-Urlaub samt Animateuren und Spaßzwang liefen zunächst Passagen aus dem „Kulturindustrie“-Aufsatz von Horkheimer und Adorno wie auf dem Teleprompter an meinem geistigen Auge vorbei. Nach einer Woche in dem All-inclusive-Lager an der Türkischen Riviera verfiel ich dann schon in eine Konsumkritik, die in ihrer Schlichtheit selbst manchen Globalisierungsgegner beschämt hätte.
Wilde Vögel träumen von Konsumkritik
Wenig idyllisch ist auch das Bild, das Volkan Ergen vom Meer nahe Istanbul vermittelt: eine wilde, aufsässige Tierwelt, die von den Verkehrsgeräuschen einer nicht sichtbaren Stadt gespiegelt wird, sich mit ihr vermengt. Auch ein Hinweis darauf, dass es, wenn über Natur gesprochen und diese dargestellt wird, meist um die Gesellschaft selbst geht.
Das Video (Achtung: laut und hoher Stressfaktor!) ist offensichtlich von „Die Vögel“ (1963) beeinflusst. (Für Spätgeborene: eine amüsante Kurzfassung von Alfred Hitchcocks Horrorfilm auf YouTube.)
Damit die fröhlichen Seiten des Strandlebens nicht zu kurz kommen, im Folgenden ein Film mit Tageslicht und buntem Treiben. Der nebenbei auch die Einsicht vermittelt: Aus der Höhe der Kulturkritik (und der selbst ernannten wilden Vögel) sehen die Massen der Menschen da unten wie Ameisen aus.
Das Video schaut man sich besser in HD-Qualität und höherer Auflösung auf der Orginal-Vimeo-Seite an. Schön auch „Beached“ vom selben Filmer – kam aber wegen des Beste-Laune-Sounds nicht durch die Zensur dieses Blogs.
Übrigens: Dass die Freiheit, die man am Strand findet, früher glanzvollere Zeiten erlebt hat, durfte Charlton Heston schon 1968 erfahren.
Und was man überhaupt von Urlaub halten soll, erklärt Rudi Dutschke in knapp 21 Sekunden.




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