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Sonntag, 15. Februar 2009, Kategorie: Panoptikum.

Bleecker Street, New York, 1967

Foto: James Jowers/George Eastman House

Ein geglückter Snapshot im entscheidenden Augenblick oder gestellt? Die Bildidee jedenfalls macht klare Ansagen: Die Gesichtszüge dieser Frau in der Großstadt sind verschwommen, unscharf, im Unterschied zu den Bildbotschaften, die sie dort im Vorübergehen scheinbar imitiert.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der deutsche Sozialphilosoph Georg Simmel in seinem einflussreichen Aufsatz „Die Grossstädte und das Geistesleben“ (1903) geschrieben, dass der Stadtmensch, bedingt durch die „Kürze und Seltenheit der Begegnungen“, in „Versuchung“ kommt, „sich pointiert, zusammengedrängt, möglichst charakteristisch zu geben“, sprich: sich in seiner Selbstdarstellung in seine eigene Marke verwandelt, um dadurch im urbanen Durcheinander seine Wiedererkennbarkeit als Person zu sichern.

Mensch gegen Ware: Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit

Die New Yorker Passantin auf dieser Fotografie hat jedoch den Konkurrenzkampf in der großstädtischen Ökonomie der Aufmerksamkeit schon verloren – gegen die Attraktionen einer Konsumgesellschaft, die den öffentlichen Raum in eine Shoppingmall verwandeln. Was bleibt ihr anderes übrig, als sich anzugleichen, wo doch die künstlich produzierten Bilder und die ausgestellten Waren mehr Prägnanz zu haben scheinen als die Menschen?

Auf den Fotos aus dem New York vom Ende der 60er-Jahre, die der Fotograf James Jowers (geb. 1938) der Sammlung des Eastman House (Flickr) überlassen hat, begegnet man dieser Art von visuell umgesetzter Zivilisationskritik mehrfach.

New York, 1968: Frau vor Schaufenster

Foto: James Jowers/George Eastman House

Frau im Kaufhaus, New York 1969

Foto: James Jowers/George Eastman House

Die Stadt ist eine Frau

Auffällig ist, dass es fast ausschließlich Frauen sind, die Jowers als Individuen festhält, die von der Warenwelt an den Rand gedrängt werden und den fragmentierten Stadträumen ausgeliefert sind. Wie auch die Konsumkritik schlechthin den Konsumenten mit negativen und im übertragenen Sinn “weiblichen” Eigenschaften ausstattet: irrational, verführbar, manipulierbar, allein von Außenreizen gesteuert – ein bedrohtes und schutzbedürftiges Wesen. Ein überkommenes Frauenbild wird so symbolisch verallgemeinert und auf den Menschen in einer städtischen, von Kommerz geprägten Zivilisation an sich angewendet.

St. Marks Place, New York, 1968

Foto: James Jowers/George Eastman House

Hier liegt der blinde Fleck von James Jowers: Der Blick dieses Fotografen ist kein analytischer, sondern der eines Verführten, der nicht um sein Begehren weiß. Die schöne Unbekannte, eine Zufallsbegegnung, die einen Moment lang die Aufmerksamkeit des – männlichen – Beobachters erregt, um dann wieder im Strom der Passanten, in der Masse der Shopper zu verschwinden ist doch selbst Verkörperung der Verführung durch die Stadt.

Diese Bewegung des permanenten Begehrens – gerichtet auf die weibliche Unbekannte in der Stadt – korrespondiert mit der Fantasie von der Großstadt selbst als überdimensionalem weiblichem Körper, mit dem sich der Flaneur in einer – wie Baudelaire es nannte – ‚sainte prostitution‘ vereinigt. Die Frau in der Stadt als Repräsentantin des Anonymen, Zufälligen, geheimnisvoll sich Entziehenden, die sein Flanieren zum erotischen Abenteuer macht, und die Stadt als Frau, die als ganzheitliches Fantasma alle seine Wünsche erfüllt, fügten sich ihm so zu einem hochcodierten Bild.

(Katharina Sykora: „Unheimliche Paarungen. Androidenfaszination und Geschlecht in der Fotografie“, Köln 1999)

Die afroamerikanische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison hat die Überblendung von Stadtlandschaft und Frauenkörper durch ein männliches Begehrenssubjekt in ihrem Harlem-Roman „Jazz“ (1992) sehr schön dargestellt.

The woman who churned a man’s blood as she leaned all alone on a fence by a country road might not expect even to catch his eye in the City. But if she is clipping quickly down the big-city street in heels, swinging her purse, or sitting on a stoop with a cold beer in her hand, dangling her shoe from the toes of her foot, the man, reacting to her posture, to soft skin on stone, the weight of the building stressing the delicate, dangling shoe, is captured. And he’d think it was the woman he wanted, and not some combination of curved stone, and a swinging, high-heeled shoe moving in and out of sunlight.

Unter Männern: Duell mit dem Objektiv

Im Verhältnis zu obigen Bildern sticht das folgende erotische Porträt, das Jowers von einem Mann geschossen hat, der in das Objektiv blickt und dabei seine Tätowierung entblößt, heraus. Im Unterschied zu den fotografierten Frauen scheint er über seinen Körper zu verfügen, dessen sexuelle Ausstrahlung setzt er kalkuliert ein, und er erwidert den Blick auf eine Weise, die das Foto mit Spannung auflädt, gar an ein Duell zwischen ihm und dem Fotografen denken lässt.

Mann zeigt Tattoo, circa 1965

Foto: James Jowers/George Eastman House

Dieser Mann zeigt sich nicht als ausgeliefertes Objekt, sondern als Subjekt seiner eigenen Erscheinung. Und er erhält das Vorrecht, das Bild mit seiner Präsenz auszufüllen, statt visuelles Element einer Stadtlandschaft zu sein.

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