
Foto: Adam Piggott (cc)
Die Häuser im Prenzlauer Berg scheinen immer mehr Menschen freizulassen, und ja, die Straßen dehnen sich aus, um die vielen aufzunehmen – so breit waren sie vor einem Monat noch nicht. Die Kollwitzstraße, an der ich den ersten Kaffee dieses Frühlings draußen nehme, wirkt fast so groß wie ein Fußballplatz. Darauf bewegen sich einige Spaziergänger wie aufgescheuchte Tierchen, im Zickzackkurs, als würden sie überrannt von der eigenen Vitalität, die den Winter über in der Isolationszelle mehrerer Schichten Kleidung eingesperrt war.
Auch die Fahrt zuvor in der Straßenbahn war abenteuerlich gewesen. Hastig geworfene Blicke kreuzten sich, blieben entscheidende Momente länger als gewohnt am Gegenüber haften. Doch selbst in der hitzigen Atmosphäre gab der BVG-Fahrer den Steuerknüppel nicht ab. Wohl erfasst von einem tosenden Hormonsturm, kannte er nur noch Vollgas und Vollbremsung, die Bahn stürzte von einer Haltestelle zur nächsten. Die Fahrgäste, zu Geiseln seiner Libido geworden, ließen ihre Flirtversuche sein und versuchten, sich festzuhalten.
Nachdem ich die Tasse im Straßencafé geleert habe, greife ich nach der Tüte mit den eben erworbenen Schuhen. Zum Glück gibt es Shopping, um den diffusen Frühlingsgefühlen Form und Richtung zu verleihen.
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