Ich bin kein Freund von Neologismen, auf Deutsch: Wortneuschöpfungen, in journalistischen Texten. Wenn ich in der Redaktion an Artikeln anderer sitze, dann versuche ich oft, die Autoren zur Änderung zu bewegen.
Ich weiß sehr wohl, dass Neubildungen eine Antwort auf das Problem sind, auf gedrängtem Raum informativ und zugleich witzig zu schreiben. Nicht selten zeigen diese Ausdrücke aber eine Selbstverliebtheit des Schreibers und sein Entzücken über den kleinen sprachlichen Einfall, den er mal eben hatte, die der Ökonomie seines Textes geradezu entgegenlaufen.
Zu viel Aufmerksamkeit erhascht das skurril zusammengesetzte bis verdrehte Wort, lenkt sie dorthin, wo sie eigentlich nichts zu suchen hat. Extremfälle von Neuschöpfungen, die mit Niedlichkeit und Retro-Anklängen spielen, um zu sagen: „Ich bin klein, mein Herz ist rein“, bezeichne ich als Pril-blumige Sprache. Richtig erkannt: „Pril-blumig“ ist genau dafür ein Beispiel.
Andere neu erfundene Wörter tun dagegen eher wichtig, geben sich fremdwortartig wissenschaftlich, obwohl sie allein der Fantasie des Verfassers entsprungen sind. Als verbale Nebelwerfer verhüllen sie dann, dass Unkenntnis oder Banalitäten hinter ihnen stecken. Eine Fundgrube für solche Wortneubildungen sind immer wieder Katalog‑ und Pressetexte aus Kunst und Kultur – wahrscheinlich nicht selten von Kulturwissenschaftlern mit Legitimationsproblemen geschrieben.
Bei aller Strenge macht es mir Spaß, täglich die Auswertung von Neologismen durch die Wortwarte zu lesen, ein Online-Projekt des Seminars für Sprachwissenschaft an der Universität Tübingen. Dazu werden die Internet-Ausgaben von deutschen Zeitungen durchsucht und neue Wortbildungen festgehalten. Zum Vorschein kommt verbale Neonreklame wie „Selbstanschießer“, „Wichtigesser“, „Frauenabzocke“, „Gernsehclub“.
Ich frage mich allerdings: Liegt es am eingesetzten Filter, dass der Berliner „Tagesspiegel“ und „Spiegel Online“ (SpOn) so häufig aufgelistet werden?
Foto: Thomas Hawk (cc).




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