Hunde, Katzen, Babys. Material der Selbstdarstellung

Hunde, Katzen, Babys: Die meisten „Models“, die für die Selbstdarstellung im Web 2.0 gecastet werden, haben beim Shooting kein Mitspracherecht, sie werden vorher nicht gefragt. Und sie hätten auch einen schweren Stand bei Verhandlungen – schließlich stehen sie in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Mann oder zur Frau mit der Kamera. Diese Bildkultur hat feudalistische Züge: Hunde, Katzen, Babys sind wie Leibeigene, Material, um Gefühle auszudrücken, die nicht ihre eigenen sind.

Babys zumindest rächen sich, wenn sie älter werden, spätestens in der Pubertät aufs Brutalste an ihren Eltern. (Die restlichen Jahrzehnte ihres Lebens haben sie dann damit zu kämpfen, dass die kalte Welt da draußen nicht auf ihre Baby-Bedürfnisse reagiert, ihnen etwa nicht die volle Aufmerksamkeit schenkt, weswegen sie selbst zur Kamera greifen und Portale wie YouTube mit ihren Werken bestücken … ein Teufelskreis.)

Das Musikvideo zum Song „El arco de San Martín“ der Band Internet2 ist derartig over the top, dass die Verkitschung von Babys durch Amateurfilmer und –fotografen in ihrer Monstrosität deutlich wird. Schön finde ich auch die eingeblendeten Animationen – so sahen in den 90ern viele persönliche Homepages aus, überladen mit zappelnden Gifs: Niedlichkeitszeichen.

Internet2 (MySpace) ist ein Musikprojekt aus Barcelona, das anscheinend oft im Kunstkontext auftritt. Gefunden bei Momus, der noch mehr darüber zu berichten weiß.

Kommentare

  1. meint

    Nach dem Video bin ich erst mal einem Zuckerschock erlegen.
    Ich warte auf den Tag, an dem die Klagewelle der dann erwachsenen Kinder losrollt, die sich von den eigenen Eltern verkauft fühlen. Spätestens bei ihren ersten Bewerbungen könnte es dann zu peinlichen Situationen kommen, wenn der Personaler die Fotos und Videos über Wutanfälle, Heulkrämpfe und Schlimmereres aus Kindertagen entdeckt…

    Liebe Eltern da draußen: respektiert die Privatsphäre Eurer Kinder!

    Katzen und Hunde müssen für sich selbst kämpfen bzw. sich an Peta wenden.

  2. meint

    Stimmt, ich hätte einen Warnhinweis hinzufügen sollen. Auch weil die Betrachtung der Bilder den Testosteron-Level männlichkeitsbedrohend senkt – was andererseits eine zivilisierende Nebenwirkung hat.
    Ob Peta auch die Störche vertreten mag, deren Rolle bei der Auslieferung von Neugeborenen vollkommen unterschlagen wird? Dass genormte Kinder aus genormten Blumen wachsen, ist doch wohl eine Erfindung holländischer Großkonzerne. Oder eine Wiederbelebung mittelalterlicher Fruchtbarkeitssymbolik im Glauben an gentechnische Perfektionierbarkeit. (Ich erinnere mich an einen mittelalterlichen Druck, auf dem ein Baum abgebildet ist, aus dessen Früchten Vögel schlüpfen … kann ich jetzt leider im Netz nicht finden.)