Alle sind auf Facebook, auch der Widerstand

Fassade eines Bürogebäudes

Die elektronische Einsamkeit alter Schule. Foto: S.S.K. (cc)

Ich liebe die Textgattung „Ich habe mich lange erbittert gegen Facebook gewehrt, doch dann wurde ich schwach, und es ist gar nicht so schlimm“. Allerdings habe ich bisher noch nirgendwo eine Version dieser Rechtfertigungsrede gelesen, die solch weitläufige theoretische Runden dreht, wie in der „Netzkolumne“ der „Texte zur Kunst“-Herausgeberin und Kunstkritikerin Isabelle Graw….

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„Dangerous“ im Hochsicherheitsgefängnis

Erinnert sich noch jemand an Byron F. Garcia, den gewitzten philippinischen Gefängnisdirektor, der im Sommer 2007 mit einer „Thriller“-Choreografie seiner Häftlinge auf YouTube alle Rekorde brach? Ich denke schon, da sein neuester Streich seit der gestrigen Veröffentlichung über 200.000 Mal gesehen wurde.

Die Insassen des Hochsicherheitsgefängnisses CPDRC in der Provinz Cebu durften diesmal die Tanzbewegungen zu Michael Jacksons „Dangerous“ einstudieren. Die sind, mithilfe professioneller Tanzlehrer, um einiges besser geworden. Der Überraschungseffekt des ersten viralen Videos ist aber indessen verloren gegangen….

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1000-mal Spam

1000 Spamkommentare

Für die Veteranen und Bigshots unter den Webmastern ist das wahrscheinlich nur Fliegendreck, aber für mich ist es durchaus erwähnenswert: Mein Akismet-Spamschutz meldete heute den 1000. erfolglosen Versuch, irgendwelchen Müll in den Kommentaren abzulegen. Da sollte man zur Feier des Tages glatt ein Fläschchen Insektenvernichtungsmittel aufmachen….

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Gibt es eine Guerilla auf dem Mond?

Mond

Ist das deutsche Mond oder der kolumbianische? Foto: Mark Kilner (cc)

Zum 40. Jahrestag der Mondlandung werden im Feuilleton allerlei Geschichten über den Erdtrabanten und seine Erforschung erzählt. Von dem Schriftsteller Ulrich Woelk etwa liest man heute eine „Kulturgeschichte“ des Mondes auf Welt Online, die eine seiner zunehmenden „Entzauberung“ sei.

Mir fällt zu diesem Thema folgende Begebenheit ein, von der mir ein Freund berichtete, der vor einigen Jahren als Reporter Kolumbien bereiste. Seine Recherchen führten ihn auch in ein Lager der marxistischen Guerilla-Bewegung FARC, versteckt im Tropenwald.

Während seines Aufenthalts dort wurde ihm eine Aufpasserin zugeteilt, eine junge Frau. Die Guerilla-Kämpferin führte den europäischen Journalisten in das Lagerleben ein, war aber auch selbst neugierig auf sein Heimatland. Ob es eine Guerilla in Deutschland gebe, fragte sie ihn schließlich, und: „Habt ihr auch einen Mond?“

„Am Mond prallen unsere Unzulänglichkeiten, Verfehlungen, Bestialitäten ab“, schreibt Woelk. Doch wie es scheint, hinterlassen Jahrzehnte des Bürgerkriegs auch auf dem Mond ihre Spuren.

Gewalt, Risiko, Wünsche: Die Zukunft ist 15 Jahre alt

Arme Teenager: In euch vermutet man sinnlose Gewalt, euer Mut zum Risiko lässt PR-Agenturen träumen, in euren Wünschen soll man leben lernen

Mikrotexte

Die One-Person-Trend-Story um den 15-Jährigen Stanley-Morgan-Praktikanten Matthew Robson geistert gerade durch Blogs und Presse. Aus seinen Konsumgewohnheiten lese man die Umwertung aller Werte heraus, heißt es da teilweise, zumindest was die Mediennutzung betrifft. Das Ende des Print-Journalismus sei nah.

Viel Last auf den schmalen Schultern eines Jugendlichen. Gilt der doch als statistisches Wesen schon als potenzieller Amokläufer und risikobereiter Fun-Sportler, nihilistischer Komasäufer und hohle Lifestyle-Kleiderpuppe – alles in allem als Körper, der halb in der Zukunft dieser Gesellschaft lebt, um die man zittern müsse wie er selbst vor seinem ersten Date.

Zu einem Beitrag im JakBlog erinnern Kommentatoren daran, dass sie selbst als Teenager kaum verallgemeinerbare Bedürfnisse hatten. Dem möchte ich mich anschließen.

Hollywood im Körper des Zuschauers

Experimentelle und Kunstvideos werden gern mit dem Allgemeinplatz vom „Aufbrechen der Sehgewohnheiten“ geschmückt. Aber dieser dreiteilige Split-Screen mit einer Szene aus Edgar G. Ulmers Film-noir-Klassiker „Detour“ (1945) versetzt mich tatsächlich in Unruhe – als müsste ich selbst die Bewegung produzieren, die dem linken und rechten Screen fast abgeht. Eine Wirkung medialer Disziplinierung: Der Code des klassischen Hollywood-Kinos reicht bis in den Körper des Zuschauers.

„Detour“ ist in der Public Domain und als Download auf Archive.org.

Die Geschichte des „Saigon Execution“-Fotos

Eine Fotografie mit Schockwirkung

Am 30. Januar 1968 starteten Verbände der nordvietnamesischen Armee und Vietcong-Guerillaeinheiten einen Überraschungsangriff auf mehr als 100 Städte im Süden Vietnams. Die sogenannte Tet-Offensive kostete die Angreifer zwar beträchtliche Verluste, brachte aber einen Propaganda-Erfolg – der kommunistische Norden machte deutlich, dass er trotz Jahren des Krieges noch nicht gebrochen war. Und die TV-Bilder vom Kampf um die US-Botschaft in Saigon ließen bei den Zuschauern in den USA die Frage aufkommen, wie viel Kontrolle General Westmoreland, damals Oberbefehlshaber der US-Truppen in Vietnam, eigentlich noch über den Fortgang des Krieges hatte (CBS-Nachrichtenbilder aus Saigon auf YouTube).

Ebenfalls Schockwirkung erzielte eine Fotografie, die zwei Tage nach Beginn in der umkämpften südvietnamesischen Hauptstadt entstanden war. Es dürfte kaum jemand geben, der sie nicht kennt: Sie zeigt, wie der südvietnamesische General Nguyen Ngoc Loan, zu dieser Zeit Polizeichef von Saigon, auf offener Straße den Kriegsgefangenen Nguyen Van Lem hinrichtet. Dieser war angeblich als Vietcong-Kämpfer an der Ermordung von Polizisten und ihren Familienangehörigen beteiligt gewesen. (Im Fotoblog Iconic Photos finden sich eine Reproduktion der Aufnahme und weitere Informationen dazu.)…

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Sieben Mal Prenzlauer Berg: Der Untergrund lebt

Hausfassade in Berlin-Prenzlauer Berg

Widerstand. Zwischen den Treppenaufgängen zum U-Bahnhof Eberswalder Straße proklamiert ein hochgewachsener Punk mit erregter Stimme: „Katzen sind Anarchisten, die kann man nicht erziehen.“ Dabei zerrt er seinen Hund an der Leine immer wieder zu sich. Seine einzige Zuhörerin, eine gebrechlich wirkende, alte Dame, zuckt unter den Worten zusammen. Sie entgegnet nichts, sie stützt sich auf einen Rollwagen.

Internationale. Im China-Imbiss beim S-Bahnhof Prenzlauer Allee versucht ein schlacksiger Mann den Verkäufer in ein Gespräch über den Kommunismus zu verwickeln. Der erträgt es mit stummen Nicken und verpackt derweil die Glutamat-gesättigte Pampe in Alufolie und Plastik. Der Aktivist besteht darauf, sich mit Händeschütteln zu verabschieden.

Solidarität 1. Eine dick in grobe Strickware eingewickelte junge Deutsche betritt einen von Türken geführten Falafelladen in der Prenzlauer Allee. An der Tür hält sie kurz inne und sagt mit klarer Stimme: „Salam Aleikum.“ Der Mann hinter der Theke wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht und wartet regungslos auf die Bestellung. Es ist nach Mitternacht, er steht schon seit Vormittag dort….

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Die Frau in Rot und der Mann mit der Kamera

Sonnenbrillen im Brillenladen

Eine Frau, Mitte 30, ganz in Rot gekleidet, saß auf einem Barhocker an einem einzelnen Tisch. Sie wandte den Menschen, die das Café in Prenzlauer Berg betraten und zur Theke gingen, den Rücken zu – doch nur halb, sodass die anderen Gäste einen Blick auf das Display ihres Notebooks werfen konnten. Dort waren Fotos einer Nackten zu sehen, sie selbst war das Modell der Aktaufnahmen, arrangiert in einer Bildergalerie, durch die sich klickte. Exponiert und dennoch unantastbar: So stellte sie sich an diesem öffentlichen Ort dar, durch den viele eilen, die aus der nahe gelegenen U-Bahn-Station Eberswalder Straße strömen und hier rasch einen Kaffee trinken. Welche Bilder von einer großstädtischen Existenz wohl dabei als Diashow in ihrem Kopf abliefen?…

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