Eine Fotografie mit Schockwirkung
Am 30. Januar 1968 starteten Verbände der nordvietnamesischen Armee und Vietcong-Guerillaeinheiten einen Überraschungsangriff auf mehr als 100 Städte im Süden Vietnams. Die sogenannte Tet-Offensive kostete die Angreifer zwar beträchtliche Verluste, brachte aber einen Propaganda-Erfolg – der kommunistische Norden machte deutlich, dass er trotz Jahren des Krieges noch nicht gebrochen war. Und die TV-Bilder vom Kampf um die US-Botschaft in Saigon ließen bei den Zuschauern in den USA die Frage aufkommen, wie viel Kontrolle General Westmoreland, damals Oberbefehlshaber der US-Truppen in Vietnam, eigentlich noch über den Fortgang des Krieges hatte (CBS-Nachrichtenbilder aus Saigon auf YouTube).
Ebenfalls Schockwirkung erzielte eine Fotografie, die zwei Tage nach Beginn in der umkämpften südvietnamesischen Hauptstadt entstanden war. Es dürfte kaum jemand geben, der sie nicht kennt: Sie zeigt, wie der südvietnamesische General Nguyen Ngoc Loan, zu dieser Zeit Polizeichef von Saigon, auf offener Straße den Kriegsgefangenen Nguyen Van Lem hinrichtet. Dieser war angeblich als Vietcong-Kämpfer an der Ermordung von Polizisten und ihren Familienangehörigen beteiligt gewesen. (Im Fotoblog Iconic Photos finden sich eine Reproduktion der Aufnahme und weitere Informationen dazu.)
„Some of those who knew him said General Loan would not have carried out the prisoner execution if reporters and photographers had not been at the scene“, heißt es im Nachruf in der „New York Times“ auf Loan, der 1998 an Krebs starb. Unter den anwesenden Presseleute waren der NBC-Kameramann Vo Suu, der die Tat filmte, und der AP-Fotograf Eddie Adams (1933–2004), der das berühmte Bild davon schoss. Das Foto und die Filmaufnahmen sind als „Ikonen“ ins globale Bildarchiv eingegangen, stellvertretend stehen sie für den Exzess an Gewalt während des Vietnamkrieges.
Gebrandmarkt als Kriegsverbrecher
Mit der Kamera den Augenblick des Todes festzuhalten: ein preiswürdiger Glücksfall beim Fotojournalismus in Krisengebieten. Für Adams bedeutete die Fotografie dann auch einen Karrieresprung. Noch im selben Jahr wurde das Bild von der World Press Photo Foundation in Amsterdam als Pressefoto des Jahres ausgezeichnet, ein Jahr später erhielt der Kriegsfotograf dafür den Pulitzer-Preis für „Spot News Photography“. Dennoch war Adams zeitlebens nicht glücklich mit den Nachwirkungen, die das Bild auf das Leben des Polizeichefs hatte. „The general killed the Viet Cong; I killed the general with my camera“, schrieb er 1998 im „Time Magazine“.
Nguyen Ngoc Loan konnte tatsächlich nie mehr aus dem Schatten des Fotos treten, das ihn als Kriegsverbrecher brandmarkte. Nach dem Krieg, in dem er sich eine schwere Verletzung zugezogen hatte, versuchte er einen Neustart als Einwanderer in den USA und eröffnete eine Pizzeria in Virginia. Anfang der 90er-Jahre wurde allerdings bekannt, wer Chef des Restaurants war. Die Gäste blieben daraufhin aus. Adams selbst, der den Exgeneral dort besucht hatte, berichtete von einem Spruch, den jemand an die Toilettenwand gekritzelt hatte: „We know who you are, fucker.“
„An Unlikely Weapon. The Eddie Adams Story“ (Trailer)
In den USA ist Ende Juli eine Dokumentation über die „Eddie Adams Story“ (Trailer) in den Kinos angelaufen. Als Sprecher von „An Unlikely Weapon“ (Film-Website), so der Titel des Dokumentarfilms von Susan Morgan Cooper, wurde Kiefer Sutherland gewonnen, ironischerweise der Schauspieler, der in seiner Rolle als Jack Bauer in der Serie „24“ irreguläre Kriegsführung und Folter im Kampf gegen den Terror zum Teil der TV-Abendunterhaltung gemacht hat.
„Political Affairs“, das Magazin der Communist Party of the United States of America (CPUSA), findet in einer Filmkritik lobende Worte für das Biopic über Eddie Adams (der durfte ja auch Kubas Diktator Fidel Castro zur Entenjagd begleiten). Die Rezension berichtet außerdem von einer Anekdote über eine mir bisher unbekannte Nachwirkung des „Saigon Execution“-Fotos:
Adams … reported how renowned filmmaker Michael Cimino took a copy of his now infamous photo, folding it, and placing it in his back pocket. He kept it there for a full year. He used that photo as the centerpiece of his film „The Deer Hunter“. In a highly dramatic scene, Christopher Walken plays „Russian Roulette“ in a disturbing parallel to that photo. That scene, Adams said, still haunted him long after; it was the only film about that war and its aftermath Adams said he ever saw.
Interessant, wie das Bild vom Kopfschuss zur Kopfgeburt des Kriegsfilms „Die durch die Hölle gehen“ (1978) führen konnte, der den Krieg in Südostasien als inneramerikanische Angelegenheit inszeniert. Man könnte „Bang!“ (2002), eine Skulptur der chinesischen Künstlerin Xiang Jing, die zwei asiatische Schaufensterpuppen zeigt, die in westlicher Freizeitkleidung die Hinrichtungsszene nachstellen, als Kommentar dazu verstehen.
Ob „An Unlikely Weapon. The Eddie Adams Story“ in Deutschland einen Filmstart in Kinos erleben wird, ist fraglich. Man wird wohl auf die DVD warten müssen.
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