Die Kulturkritik hat recht: Katzencontent killte das Abendland

In den sozialen Netzwerken des Web 2.0 könne man den Untergang des Abendlandes verfolgen. Heißt es von Kulturkritikern. Auf Twitter etwa werde der Journalismus, der doch unseren Staat zu nähren hat, zu Finger-Food verarbeitet. Die Menschlichkeit leide ebenfalls: Wird er Zeuge eines Unfalls, denkt der Blogger eher an eine bequeme Sitzgelegenheit mit guter Sicht und ausreichend Popcorn als daran, Hilfe zu leisten. Schlimm stehe es auch um den deutschen Mann. War der in Opas Jugendtagen noch berüchtigt berühmt dafür, knapp und sachlich im Ausdruck zu sein (“Panzergruppe Todmöller, angrrrrreifen!“), hat er sich mittlerweile auf Facebook in eine Klatschtante verwandelt. Mit Elvis fing die Verwestlichung an, durchs Internet ist jetzt die ganze Nation verweichlicht….

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James Nachtwey in Afghanistan

Der Kriegsfotograf James Nachtwey hat in diesem Jahr Afghanistan besucht. In dem Video „Afghanistan: sorrow beyond words“ ist als Audio-Slideshow eine Auswahl von Fotografien zu sehen, die er dort im Auftrag des International Committee of the Red Cross (ICRC) geschossen hat. Darunter: Bilder von Insassen des berüchtigten Gefängnisses Pul-i-Chakri, von Geisteskranken in einer Anstalt und Verletzten (Kriegsopfern?), die in einem Rehazentrum des Roten Kreuzes behandelt werden….

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Abu Dhabi und 1001 schlechte Reise-Texte

„Wie ein Märchen aus 1001 Nacht“: Diese abgestandene Floskel liest man in mehr als tausendundeinem Artikel von Reisejournalisten, die aus der arabischen Welt berichten (wer’s nicht glaubt, muss nur mal googlen). Und das auch, wenn die Tour in eine der Hightech-Metropolen der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) führt. Wer aber angesichts der Science-Fiction-Stadtansichten und der Hochhäuser im Entstehen, die etwa Vimeo-Filmer Paul Williams für „Pillars of Wisdom“ in Abu Dhabi gedreht hat, an Sindbad oder an Ali Baba und seine soundso vielen Räuber denkt, dem ist wohl der Turban vor die Augen gerutscht, der ihm von den Animateuren im Luxus-Resort aufgesetzt wurde. Oder er findet den von der Tourismus-Industrie gesponserten Aufenthalt dort so „prickelnd“, dass er vom Swimmingpool gar nicht mehr weg‑ und nach draußen kommt. Denn: Hey, der Rest schreibt sich doch wie von selbst!…

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Ein bisschen Ausnahmezustand: Emmerichs „2012“

Roland Emmerichs „2012“ habe ich mir vergangene Woche im Kino angesehen. Gibt es etwas zum Film zu sagen, das über das hinausgeht, was anderswo in Rezensionen zu lesen ist? Kaum. Liefert er visuell mehr, als der Trailer verspricht? Ein wenig. Die Flüge durch die in sich zusammenstürzenden Städte, an Wolkenkratzern vorbei, die sich in ihre Bestandteile auflösen, zeigen, worum es im Genre Katastrophenfilm in den guten Momenten geht: um Karneval, wie ihn Michail Bachtin (“Rabelais und seine Welt“) versteht. Also um den symbolischen Umsturz einer herrschenden Ordnung und deren temporäre Ablösung durch eine neue, die sich exzentrisch zur gewohnten verhält. Die Standpfeiler der alten Ordnung werden in diesem Ausnahmezustand umgestoßen, sind aber als solche noch zu erkennen.

In diesen Filmsequenzen hätten die Macher von „2012“ mehr wagen können: Der Betrachterstandpunkt bleibt eindeutig, als Zuschauer weiß man immer, wo oben und unten ist. Man behält sozusagen den Boden unter den Füßen, während auf der Leinwand eine Welt zerfetzt und durcheinandergewirbelt wird….

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Die Retro-Manie: Popkultur-Recycling in Kunst und Netzwerken

Screenshot: Musikblog Funky16Corners Das Internet vergisst nichts, sagt man. Diese Warnung vor zu freizügiger Selbstdarstellung könnte man auch anders verstehen: Online wird alles, was die Archive der Alltags‑ und der Popkultur hergeben, recycelt. Restlos. In der Print-Presse sieht es nicht viel anders aus: Einfallsloser Rückblick-Journalismus beherrscht dieser Tage das Feuilleton. Die Allgegenwart der Vergangenheit hat zumindest im Internet gute Seiten: Ich selbst freue mich sehr darüber, welche Raritäten etwa Sammler von 60er-Jahre-Soul ausgraben und ins Netz stellen. Oft begleitet von Texten mit Informationen über die Musiker, die man sonst kaum findet (etwa auf dem schönen Musikblog Funky16Corners).

Die Retro-Kultur von Digital Natives nimmt aber manchmal auch absurde Züge an. Allein mit den Frauen, die weltweit für ihr MySpace-Profil mit Netzstrumpfhose und Prinz-Eisenherz-Pony als Bettie Page posieren, könnte man schätzungsweise eine Großstadt füllen (was immerhin ein lustiger Anblick wäre). Und die Selbststilisierung zum Factory-Model geht via Copy and Paste in den sozialen Netzwerke schneller, als dort in Pop-Art-Tagen ein Film abgedreht wurde. Andy Warhol würde heute vermutlich das Netz mit Urheberrechtsklagen überziehen.

Von den 20er‑ über die 50er‑ bis zu den 80er-Jahren: Für nahezu jedes Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts gibt es unzählige Facebook-Gruppen, Internetforen, Fan-Websites, Blog-Netzwerke. Leider wird dort häufig das, was an Vergangenem auch heute noch relevant und interessant sein könnte, auf eine bloße Lifestyle-Uniform zurechtgeschneidert….

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Voll subversiv: Lesen gefährdet die Dummheit

Verlagswerbung: "Lesen gefährdet die Dummheit"Kunde A ist eine geduckte Gestalt. Er geht in einem Sexshop einkaufen, das ist gesellschaftlich nicht anerkannt. Der Ladeninhaber bietet Herrn A ein wenig Unterstützung an: Die gekaufte Ware packt er in eine dunkle Plastiktüte, die nicht verrät, was in ihr steckt. Er sorgt für Diskretion, bis Kunde A die Tüte nach Hause gebracht hat, wo er ihren Inhalt dem Verbrauch zuführen kann.

Kunde B hat gut lachen. Er geht in einem Buchladen einkaufen, das ist gesellschaftlich anerkannt. Erhobenen Hauptes studiert er die dargebotenen Titel – darf es der neue von Walser sein? Oder etwa ein Fantasy-Roman, in dem auf knapp 1000 Seiten beschrieben wird, wie ein paar untersetzte Kreaturen mit Haaren auf den Füßen dem bösen Zauberer Hassköter das Schwert der Monsterkraft entreißen, wobei den Helden von der lieblichen Königin Katzenblume aus dem verwunschenen Reich der siebeneinhalb mal siebeneinhalb Nebel der Weg gewiesen wird, indem sie ihnen ihr Horoskop auslegt, das auf dem heiligen Buch von Edelschlund auf Pergament niedergeschrieben ist, das aus den Blütenblättern der Mondgurke gefertigt wird, die nur verarbeitet werden kann, wenn man bei Vollmond ganz doll von ihr träumt? *…

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