In Tokio gibt es keine Straßennamen, und Häuser sind in der Reihenfolge nummeriert, in der sie errichtet wurden. Wer in einer europäischen Stadt aufgewachsen ist, verliert in einem solchen, für ihn fremden System die Orientierung. Umgekehrt geht es Japanern im Westen genauso. In diesem kurzen Auszug aus seinem TED-Talk kommt der Unternehmer und Musiker Derek Sivers auf die Unterschiede im Stadtplan zu sprechen, um auf die Schwierigkeit hinzuweisen, Annahmen, die man für selbstverständlich hält, von dem eigenen gesellschaftlichen Kontext in einen anderen zu versetzen.
Tokio scheint seine Faszination nicht zu verlieren. Ein schönes Buch über den „Kulturschock“, der den Besucher dort erwartet (wenn er denn will), stammt von Roland Barthes. Der französische Philosoph und Literaturwissenschaftler hat „Das Reich der Zeichen“ (1970) nach seiner Japan-Reise Ende der 60er-Jahre verfasst. Er beschreibt darin die japanische Hauptstadt als für ihn vollkommen fremdes Zeichensystem, wo er seine europäische Subjektivität und die daran gebundene Auffassung von Signifikation aufs Spiel setzen könne. Dass in Tokio Straßen keine Namen tragen, wird auch von Barthes als bemerkenswert erwähnt.
Über Stadtpläne, Zeichentheorien und deren Relativität im Verhältnis zueinander lässt sich allerdings unbeschwerter philosophieren als über die Idee der Menschenrechte und deren universelle, von jedem gesellschaftlichen Kontext unabhängige Gültigkeit.
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