
Der Strand von Gomera: Anfangs‑ und Endpunkt meines
rasanten Aufstiegs. Foto: JWPriebe (cc)
Mit dem PageRank nach oben – eine Erfolgsgeschichte
Ungeheuerliches hat sich zum Jahreswechsel ereignet: Ihre Majestät Google hat beim vergangenen Update den PageRank dieses Blogs von null auf eins erhöht. Ich hatte von Anfang an geahnt, dass Texts for Robots eines Tages mit Ruhm überhäuft werden wird, und die Vorfreude wurde nur leicht getrübt durch die Aussicht auf die drohenden Begleiterscheinungen des Erfolges: falsche Freunde, zu viel Sex, Drogensucht, mein Gesicht auf den Seiten der Klatschpresse – und am Ende noch wie Don Alphonso ein Blog bei der „FAZ“.
Der Sturz nach ganz oben wird auf ein Mal passieren. Die monatelange Lektüre von Tipps zur Suchmaschinenoptimierung (SEO) wird sich unverhofft auszahlen … ein glücklicher Wurf bei der Auswahl der Keywords, ein Beitrag, der sich als viral erweist, alle Welt verlinkt mich, und schon schießen die Einschaltquoten in unerhörte Höhen. Wie im Rausch. Schändlich wäre es, darauf kein Geschäft zu gründen.
Am besten bereitet man sich auf den Aufstieg vor, damit man nicht sofort auf Abwege gerät.
Blut, Schweiß und Tränen – die New Economy als Vorbild
Mein Plan: Ich werde mich an den Erfolgsmodellen von Start-up-Unternehmen zu Zeiten der New Economy orientieren, und zwar wie folgt:
Brainstorming. Vom geliehenen Geld meiner Eltern und von Freunden (Banken sind ja bei der Vergabe von Krediten seit dem Dotcom-Crash ein wenig spießig geworden) werde ich mir zunächst einen Urlaub leisten – zur Inspiration. Perfekt: mit dem Notebook am Strand von Gomera sitzen, dort mit einem alten Hippie über das Fließen philosophieren, wobei der an kosmische Energien denkt, man selbst eher an Bares.
Standortsuche. Zurück in Berlin, werde ich schnell ein Ladenlokal in Prenzlauer Berg oder Mitte anmieten, womöglich einen ehemaligen Old-School-Fleischer, dem gerade aufgrund der Neubesiedlung des Viertels durch Biofleisch-Neobürger der Saft ausgegangen ist. (Wie man weiß, gedeihen die Innovationen der neuen Zeit in den Ruinen der alten am besten. Die Reste getrockneten Blutes, die noch in den Fugen der Fliesen kleben, werde ich später geschickt in meine „Blut, Schweiß und Tränen“-Motivationsreden einbauen.)
Personalsuche. Als Erstes muss ein Webdesigner her. Ausgehungerte Grafiker aus dem „Wir nennen es Arbeit“-Prekariat gibt es in Berlin an jeder Straßenecke, ich werde in den Straßencafés nach einem Ausschau halten, der stundenlang vor demselben Getränk abhängt – das ideale Opfer für Dumpingpreise. (Eine Schwierigkeit: bei der Honorar-Verhandlung mit dem „digitalen Bohemien“ das Kichern zu vermeiden.)
Hurtig werde ich außerdem ein paar Praktikanten anheuern. Auf der charmant retromäßig gestalteten Anzeige, die ich nicht nur in Foren poste, sondern auch in allen geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Stadt aushänge (denn dort sitzen die Hoffnungslosen, die am leichtesten zu ködern sind), wird zu lesen sein:
Praktikum! Deine Chance in der Internet Branche!!!
(Tipp: Nur drei, höchstens vier Ausrufezeichen in der Headline, so wirkt es seriöser. Ein Deppenleerzeichen muss sein: So fühlen sich die Studies überlegen und tappen leichter in die Falle.)
Dauer: 6 Monate, Voraussetzung: belastbar, kommunikativ, Organisationstalent, eigener Laptop, eigener Pkw nicht von Nachteil, Vergütung ist Verhandlungssache.
(Letzteres ist ein Witz für Insider, es gibt natürlich nichts.)
Ausstattung. Was an Geld vom Urlaub übrig ist, werde ich in die Internetverbindung, Stellwände, Arbeitsplatten und Böcke vom Baumarkt investieren sowie in – ganz wichtig! – bedruckte Team-T-Shirts mit Firmen-Logo und demütigenden Durchhalteparolen, die meine Mitarbeiter während der Arbeitszeit (das heißt mindestens zwölf Stunden am Tag) zu tragen haben.
Sollen die Tastendrücker ruhig von Open Source schwärmen, meine Philosophie heißt Open End: Wenn man die Leute so weit gebracht hat, dass sie nicht mehr nach Hause wollen, weil dort eh niemand mehr auf sie wartet, hat man erreicht, wovon die Sozialisten träumten: die Erschaffung des neuen Menschen.
Start up! Und dann wird es richtig losgehen. Mit was? Na ja, mir wird schon was einfallen.
Fluchtpunkt Gomera
Wenn mein Plan scheitert, nur Rechnungen in die Agentur kommen, aber keine Aufträge, geht es mit der Notreserve ruck, zuck wieder nach Gomera – zur Inspiration. Der Hippie wartet schon. Meinen Webdesigner, der ständig anruft und fragt, wo seine Honorare bleiben, muss ich leider abwimmeln: „Sorry, es geht gerade nicht, ich verstehe kein Wort – die Wellen sind zu laut!“ Was soll ich ihm sonst erzählen, diesem Spießer?
Nachtrag: Nichts an diesem Geschäftsmodell ist wirklich erfunden, ich habe nur die Berichte von Versuchskaninchen in der neuen Arbeitswelt (darunter Freunde und Bekannte), die mich seit Ende der 90er erreichten, ein wenig zusammengefasst.




Diesen Text sollte man besser nicht in der Bibliothek lesen – bin fast vom Stuhl gefallen.
Mich hat übrigens zum Jahreswechsel das gleiche Schicksal ereilt. Der T-Shirt-Druckauftrag für die Praktikanten im Keller wurde soeben versendet.
Lässt sich der Druck eigentlich als Werbungskosten absetzen? Werde gleich mal einen der Praktikanten recherchieren lassen…
Du sollst ja auch in der Bibliothek fürs Leben lernen, und nicht die Zeit im Web 2.0 vertrödeln. Sonst droht der Medien‑ oder Online-Sweatshop auf Lebenszeit!