
Nette Fiktion. Aber wie jeder weiß, der damit fährt, haben die anderen in der U-Bahn definitiv kein Innenleben. Und man selbst macht sich am besten auch ganz leer. Ein paar Hirnzellen muss ich allerdings wach halten – sonst habe ich keinen Stoff fürs moralistische Twittern.




An einem anderen Beispiel als das des Twitter-Befehls „Bitte einsteigen!“ zeigt sich doch recht schnell, dass es sich nur um ein hohle Floskel handelt: „Zurückbleiben, bitte!“. Tagtäglich bleibt schließlich jemand in der Tür hängen.
Die Floskel-Argumentation lässt sich auch belegen, wenn ein Zug ausgetauscht wird. Obwohl aus den Lautsprechern ein krampfhaftes „Bitte nicht einsteigen – der Zug endet hier!“ schrillt, versuchen doch immer wieder Leute trotzdem einzusteigen. Ohne Einsteig-Befehl, ohne Herdentrieb. Der Schlüsselreiz scheint mir die beleuchtete U-Bahn mit einer offenen Tür zu sein. Das Auge ist in der Wahrnehmung dann doch entscheidender.
Vielleicht sind die zuvor erwähnten Eingeklemmten auch die Einzigen, die in der U-Bahn noch ihre Hirnzellen aktiviert haben, indem sie sich bewusst dem Befehl „Zurückbleiben, bitte“ verweigern.
Die Leute, die situationsgerechtes Verhalten im öffentlichen Nahverkehr zeigen, erkennt man klar als „heavy user“: Sie sind erprobte U-Bahn-Fahrer, sie wollen möglichst ohne viel Reibung von A nach B kommen, und das läuft automatisch ab. Dazu gehört auch das Aussteigen-Lassen der anderen, bevor man sich selbst in den Wagen begibt. Bei Leuten, die zu Besuch in Berlin sind und das Fahren mit der U-Bahn oder Straßenbahn nicht gewohnt sind, bemerke ich gelegentlich Stress und Verhaltensunsicherheit.
Und gerade dann, wenn per Alltagsroutine angewöhntes Verhalten nicht greift oder nicht vorhanden ist, sieht man, wie die Leute grundsätzlich gepolt sind. Da ist etwa der autoritäre Charakter, der nach dem Einsteigen in der Straßenbahn grob Fahrgäste zur Seite schubst, um schnellstens an den Fahrkartenautomaten zu gelangen: Die Furcht vor dem (rein hypothetischen) Auftauchen von Kontrolleuren ist bei ihm so groß, dass er kein zivilisatorisches Minimum mehr beachtet. Ganz übel.