Foto: Thomas Hawk (cc)
Sie kommt aus dem Schuhgeschäft geschossen, die Plastiktüte mit der eben erworbenen Ware im festen Griff. Entschlossen stürmt sie nach rechts, die Rosenthaler Straße hinauf, doch wenige Schritte nur, und schon strauchelt sie, fast scheint es, als würde sie das Gleichgewicht verlieren. Noch im Moment der Verwirrung landet ihr Blick auf dem Schaufenster eines weiteren Schuhladens, einige Meter entfernt von dem, den sie gerade verlassen hat. Fast panisch starrt sie auf die Auslage. Dann fasst sie sich wieder und läuft in die entgegengesetzte Richtung, verschwindet in der Menge der Passanten.
Was war los mit ihr? Wurde sie unsicher, war die getroffene Wahl die richtige? Suchte sie den Vergleich: Das habe ich erworben, darauf habe ich verzichtet? Hatte der gerade erfüllte Wunsch sie ins Taumeln gebracht, und wurde dieser, einen Augenblick später, wieder entwertet durch die Aussicht auf einen neuen? Was sich in ihr abgespielt hat – ich kann es nur erahnen. Fast jeden Abend, wenn ich das Büro meines Auftraggebers in dieser Straße verlasse, werde ich Zeuge ähnlicher Dramen.
Ich bleibe dabei nicht nur Beobachter, aus reiner Boshaftigkeit gehe ich meist vor einem dieser Schaufenster nahe dem Hackeschen Markt in Stellung, während ich auf die Straßenbahn warte. Meine dick gefüllte Umhängetasche verdeckt beiläufig ein Sonderangebot. Das ist verantwortungslos. Einige Passantinnen vollführen akrobatische Kunststücke, um einen Blick an mir vorbei auf Stiefel, Peep-Toes und Ballerinas zu ergattern. Die Wahrscheinlichkeit besteht, dass eine von 1000 sich dabei verletzen wird.
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Das Thema „Schuhe“ ist in der Tat faszinierend. Denn Schuhe sind offenbar Statthalter für … was? Fragt sich eine, die Schuhgröße 37-ein-halb hat – und Schuhkauf deshalb fürchterlich findet – denn es gibt heutzutage einfach keine Schuhe der Größe 37,5 mehr – was am Ende immer bedeutet: Blasen an den Füßen. Entweder, weil Schuhe der GRöße 37 einen Tick zu klein sind und Druckstellen hinterlassen, oder weil Schuhe der Größe 38 einen Tick zu groß sind und scheuern. Aus dem Schuh-Vergnügen bin ich, trotz meines Geschlechts, als ausgeschlossen. Wie auf dem Schulhof: Gehöre wiedermal nicht dazu. Wehre mich, indem ich meine eigene Clique aufmache: Bin dabei, eine Halstuch-Gang zu gründen. Fashionably yours, Mo
Meine Mutter hat Größe 35, glaube ich, und war früher ständig auf der Suche – mit der Folge, dass meine diffusen Jugendurlaubserinnerungen sich wie einziger gigantischer italienischer Ledermarkt ausnehmen.