
Segeln im weißen Rauschen. Foto: Aneurysm9 (cc)
Zentralisierung, Kommerzialisierung, Ausverkauf, immer die gleiche Geschichte – Nicholas Carr, Autor des „Atlantic“-Artikels „Is Google Making Us Stupid?“, im Sommer viel diskutiert und Vorlage für einen Titel der Copy-and-Paste-Journalisten vom „Spiegel“, schreibt in Rough Type, die „blogosphere“ gehe im englischen Sprachraum gerade in eine Mainstream-Phase über. Den professionell geführten Blogs, die immer mehr wie Magazine wirken, überlastet mit Bildern und Werbung, aber die Rankings als populärste Websites anführen, stehe eine wachsende Anzahl von kleinen, persönlichen Blogs gegenüber, die nicht mehr wahrgenommen werden: weil sie von den Big Shots auf Suchmaschinen wie Technorati verdrängt werden. Oder schon zu „Karteileichen“ geworden sind, vernachlässigt, nur noch sporadisch mit Beiträgen versorgt oder gar nicht mehr. Eine Verfallsgeschichte.
Aber ist es nicht voreilig, ein technisches und soziales Phänomen mit Blick auf Charts-Platzierungen für erledigt zu erklären? Schließlich wird doch niemand der Account gekündigt, nur weil sich in der Ökonomie der Aufmerksamkeit einige wenige durchsetzen. Wer mit seinem Blog auf ein Spezialthema setzt, kann sich sowieso nicht darauf verlassen, dass ihm Google mit der Zeit ein treues Publikum zuspielt (worauf selbst mancher SEO-Blogger hinweist). Die meisten Gelegenheitsnutzer des Internets, die über eine Google-Suchanfrage auf einem Blog landen, wissen womöglich gar nicht, was sie vor sich haben, etwa dass der einzelne Beitrag, den sie aufgerufen haben, Teil eines vernetzten Ganzen ist.
Im deutschsprachigen Raum, wo die Sache noch gar nicht ins Rollen gekommen ist, rangiert in den Charts ebenfalls eine kleine Anzahl von Blogs in der Aufmerksamkeit der Leser vor dem Mittelbau, also vor den Webseiten, auf denen zwar regelmäßig veröffentlicht wird, deren Besucherzahlen aber überschaubar bleiben. Als ich vor etwa einem Jahr das Web 2.0 entdeckt hatte, hatte ich mich ebenfalls erst auf die bewährten Größen verlassen, die sogenannten Alpha-Blogs, ich wollte mich ja erst mal umsehen. Mittlerweile lösche ich die Feed-Abos nach und nach in meinem RSS-Reader.
Ich muss nicht vier Medienblogs gleichzeitig lesen, es langweilt. Auch nervt mich die Selbstinszenierung einiger ihrer Betreiber: Leute, die sich als Rächer der enterbten Blogger geben, populistisch den Duellhandschuh ins Gesicht der bösen Presse „da oben“ schlagen – und dabei ihren Kommentarteil auf „nofollow“ gesetzt haben. Ich neide ihren Erfolg nicht – Blogleser, für die die Beobachtung, dass ein deutscher Politiker Twitter benutzt, eine interessante Neuigkeit darstellt oder gar einen Bewertungsmaßstab für diese Person, werden auf Texts for Robots sowieso nichts finden, womit sie etwas anfangen können. Das soll kein Vorwurf sein, es ist klar, dass in einer Situation, in der Blogs hierzulande vor allem von einer technikaffinen Gruppe betrieben und gelesen werden, solche Themen eben populär sind.
Der Hype um einzelne große Blogs in Deutschland und die Aufmerksamkeit, die sie anziehen, erinnern mich an eine Szene aus Don DeLillos Roman „White Noise“(1985). Der Icherzähler und ein Freund von der Universität, an der er lehrt, unternehmen darin einen Ausflug zu einer Sehenswürdigkeit, die von Jean Baudrillards Medientheorie inspiriert ist: „the most photographed barn in America“, die am meisten fotografierte Scheune in America (Exzerpt). Das Gebäude, das sich im Grunde in nichts von anderen Holzverschlägen unterscheidet, ist eine Touristenattraktion – weil es eben von Touristen gern besucht und abgelichtet wird. „They are taking pictures of taking pictures.“




Genau wie du sagst – die ersten Blogs findet man noch über Technorati oder Google, weiter gehts dann eigentlich ausschließlich über Verlinkung und soziale Komponenten.
Überhaupt geht mir das ganze Kaffeesudlesen von „Medientheoretikern“, die glauben, sie könnten mit ihrer überragenden Wissenbasis die Zukunft vorhersagen, ziemlich auf die Nerven. Bei der alten Zigeunerin um die Ecke, weiß man zumindest, dass ihre Vorhersagen großteils auf Psychologie und guter Show basieren.
Komischerweise herrscht dann aber ein paradoxes Vertrauen in Analysten, wie jene Finanzgurus, die Anfang 2007 noch großspurig geschrieben haben, bezüglich der Entwicklung der Finanzmärkte wären sie nicht nur „optimistisch sondern euphorisch“ (sic!) und nun eben in Medientheoretiker, die eine eindeutige Tendenz bezüglich der Entwicklung der Blogosphäre erkennen wollen.