
Auf die Kalender amerikanischer Ureinwohner bin ich nicht so gut zu sprechen. Ende der 70er-Jahre wurde ich als junger Mensch darauf vorbereitet, dass die Welt 1992 untergeht: Die Endzeit war angebrochen, ich hatte noch etwas mehr als ein Jahrzehnt zu leben – so stand es zumindest in einem Buch über Indianer-Prophezeiungen, das meiner Großtante in die Hände gekommen war. Leidenschaftlich berichtete sie mir vom nahenden Ende. Die Dame war äußerst lebenslustig, pflegte aber als Hobby einen Hang zum Düsteren und Übersinnlichen. In ihrem Bücherschrank fand sich alles, was vielen Leuten den Verstand vernebelt: mittelalterliche Zauberbücher, Nostradamus, Parapsychologie, Psi, Leben nach dem Tod, Erich von Däniken.
Die Werke von Däniken habe ich mir damals besonders gern von ihr ausgeliehen, waren sie doch eine Art Vorläufer zu Mystery‑ und „Indiana Jones“-Filmen: voll mit unbeugsamen Forschern, die von der Wissenschaftler-Community ignoriert und verlacht werden, verschollenen Städten im Urwald, geheimnisvollen Schriften, die von der Redaktion der Bibel herausgekürzt worden waren, und einem unausgesprochenen riesigen Vertrauen in die Überlegenheit der westlichen Zivilisation, das fantasielose Spaßbremsen, die keine Anhänger der Präastronautik sind, als Rassismus auslegen könnten (denn Fans dieser Pseudowissenschaft glauben zwar alles Mögliche, aber nicht, dass nicht europäische Gesellschaften in vorgeschichtlicher Zeit ohne Entwicklungshilfe von Außerirdischen irgendwelche Baudenkmäler hinbekommen hätten).
Mit Schwingungen in die Endzeit: Apokalypse 2012
Ich weiß heute nicht mehr, aus welcher Überlieferung die Visionen vom Weltuntergang stammten, mit der mir meine Großtante Angst eingejagt hatte, aber 1992 muss man als Termin jedenfalls als widerlegt betrachten. Dafür steht als Nächstes 2012 an. Dann jährt sich nicht nur der Untergang der „Titanic“ zum 100. Mal, eine Flut von Veröffentlichungen auf dem Esoterik-Markt beschwört außerdem den Anbruch einer „Wendezeit“, eines „Goldenen Zeitalters“ oder gar eines „Dimensionswechsels“.

2012 könnten laut Däniken die außerirdischen „Götter“ zurück auf die Erde kommen.
Wenn wir bis dahin ihren Skulpturenpark auf der Osterinsel nicht aufgeräumt haben,
gibt’s vermutlich Saures mit der Strahlenkanone. Foto: Brad Stabler (cc)
Den Stichtag für die Apokalypse lesen deren Verfasser aus dem Ende eines Zyklus im Kalendersystem der Maya heraus. „An das Jahr 2012 knüpfen Esoteriker eine Heilserwartung, sie rechnen mit einer neuen Ära des Lichts, der Schwingungen oder der Kristalle, da hat jede Gruppe ihre eigene Metapher“, sagte der Maya-Forscher Nikolai Grube in einem Interview der „Zeit“. Andere sind pessimistisch und erwarten eine Katastrophe.
Dass das Thema viele bewegt, kann man schon an der Zahl von Reaktionen auf einen Beitrag des Astronomen Florian Freistetter auf ScienceBlogs erkennen. Zu „Kein Weltuntergang am 21.12.2012“ haben sich mittlerweile über 1600 Kommentare angesammelt. Freistetter hat 2008 auch einen Däniken-Vortrag besucht und in seinem Blog auseinandergenommen, in dem ging es – o Wunder! – ebenfalls um 2012, das Jahr, in dem sich die Aliens mal wieder blicken lassen sollen.
Ein Katastrophenfilm zur Esoterik-Welle
Vielleicht ist Roland Emmerich ebenfalls mit Spukgeschichten aus der Fantasie jener aufgewachsen, denen die Moderne und ihre Wissenschaften als zu kalt und trostlos erscheinen. Den Bücherschrank meiner Großtante hat er jedenfalls in Teilen vergolden können. Mit „Stargate“ hat der Regisseur 1994 die Präastronautik als Aufhänger für einen Science-Fiction-Film gewinnbringend auf die Leinwand gebracht. Sein gerade angelaufener Katastrophenfilm lockt mit dem Titel „2012“ auch die Freunde der Esoterik und Pseudowissenschaft ins Kino – hält sich nicht lange mit angeblichen Weissagungen der Maya auf. Also nur Etikettenschwindel aus Gründen der Werbung, Bluff und Betrug? Das dürfte für die Betroffenen nichts Unbekanntes sein.
Gemeinsam mit meiner Großtante hätte ich mir zu ihren Lebzeiten Emmerichs Special-Effects-Inferno übrigens nicht anschauen können. Sie hatte schon bei jedem Gewitter eine Heidenangst.
Bild-Credit: Der Cartoon von der Wiederkehr des
Maya-Gottes Quetzalcoatl stammt von Labguest (cc)
Nachtrag, 18. November 2009: Auf Basic Thinking ist zu lesen, dass die Marketing-Kampagne für „2012“ wohl ein wenig zu überzeugend geraten ist – mit Orson-Welles-Effekt: Die Nasa bekam massenhaft Anrufe von panischen Menschen mit der Frage, ob tatsächlich eine Katastrophe drohe. Woraufhin die amerikanische Luft‑ und Raumfahrtbehörde eine extra FAQ-Webpage eingerichtet hat: „2012: Beginning of the End or Why the World Won’t End?“.
Nachtrag, 19. Dezember 2009: Einestages, das Kuriositätenkabinett von SpOn, hat eine Galerie mit Endzeit-Prophezeiungen zusammengestellt. Man erfährt dort, welche Ängste der vermeintliche „Planet Nibiru“ und den Halleysche Komet ausgelöst haben, von der Sorge um den „Millennium-Bug“ zur Jahrtausendwende, von Charles Mansons Endkampf-Fantasien Ende der 60er-Jahre und den Wahnvorstellungen anderer Sekten, die es nicht in die Pop-Geschichte geschafft haben.




[…] 2009 habe ich einen Beitrag im Blog veröffentlicht, in dem es um die Prophezeiung des Weltuntergangs geht. Der Anlass war […]