„Sharing“: Auf Raubzug durch Fotografen‑ und Künstler-Portfolios

„Sharing“ klingt großzügig, das Wort ist aber meist nur ein Euphemismus, der im Netz wie ein Nebelwerfer funktioniert. Die einen meinen damit den ungefilterten Ausstoß aller möglichen Links, die geeignet scheinen, wiederum Backlinks oder Klicks zu erzeugen. Die berüchtigten 10er-Listen sind ein Beispiel dafür. Andere halten „teilen“ für eine gute Umschreibung der Raubzüge, die sie durch Portfolios von Künstlern, Designern oder Fotografen durchführen. Bilder, die nur irgendwie hübsch anzusehen sind, werden dann ohne Angabe des Urhebers auf Facebook geladen oder auf die Reise durch Myriaden von Tumblr-Seiten geschickt.

Die Fotografin Amy Stein berichtet in dem Blog-Text „How I Learned to Stop Worrying and Love Sharing My Work Online“ über ihre Erfahrungen mit der nicht autorisierten Verbreitung ihrer Arbeit. Die New Yorkerin meint, die Vervielfältigung im Internet habe ihrer Karriere auch genutzt. Ihren Kollegen rät sie zu einem pragmatischen Umgang mit der Recycling-Praxis, aufzuhalten sei der Bilderstrom ohnehin nicht. Bei unerlaubter kommerzieller Verwendung sei aber eine Grenze überschritten:

I have found my images in every nook of the Internet, mostly attributed and not altered in any way, but often unattributed, remixed, appropriated as paintings or drawings and cropped in ways that offend me to no end. Every time I come across my work presented like this, I cringe a little, but most of the efforts are benign and nobody is profiting off my intellectual property. When someone is profiting, I shut that shit down.

Amy Stein schlägt als Gegenmaßnahme eine „attribution Neighborhood Watch“ vor: Wer auf Werke ohne Namensnennung stoße, solle doch den Webmaster oder dem Menschen, der ein Social-Media-Profil bespiele, freundlich darauf hinweisen, das dies nicht in Ordnung sei. Eine nette Idee, die aber, wie ich vermute, kaum Mitwirkende finden wird.

Ein Dandy in der Strafanstalt

Polizeifoto eines Kindes, wegen Diebstahls zu Zwangsarbeit verurteilt

Foto: Tyne & Wear Archives & Museums (gemeinfrei)

Henry Miller, 14 Jahre alt, geboren in Berwick im Norden Englands, wurde in den 1870er-Jahren in Newcastle zu zwei Wochen „schwerer Arbeit“ verurteilt. Das Vergehen des Kindes, das auf dem Polizeifoto wie ein Dandy wirkt: Henry hatte Kleidung gestohlen. Als sein Beruf wird „confectioner“ angegeben, vielleicht hat er als Aushilfe oder Lehrling bei einem Konditor gearbeitet. Mehr Informationen gibt es nicht zu seinem Fall. Die Charles-Dickens-Geschichte zu seinem weiteren Schicksal mag sich der Betrachter selbst ausdenken.

Das Bild stammt aus einem Flickr-Album der Tyne & Wear Archives & Museums in Newcastle, das Fotografien von Insassen der Strafanstalt Gaol versammelt. Unter den Porträtierten aus den Jahren 1871–1873 sieht man eine Hühnerdiebin, Trickbetrüger und noch mehr Kinder, die kleinere Eigentumsdelikte mit Zwangsarbeit büßen mussten.

Gestoßen bin ich auf die Archivbilder über das Blog Prison Photography. Pete Brook, der Autor der Website, listet in dem Artikel „Arresting Portraits of Bygone Criminals (or how we can all gawp guilt-free at ‘the Other’)“ weitere Quellen für „mug shots“ aus dem 19. Jahrhundert auf.

Computerliebe: Über Fremdkörper und die Intimität mit Technik

Ein Neuanfang mit Anpassungsschwierigkeiten: Fingerübungen, Stellungen des Armes, automatische Folgen von Gesten – das Touchpad meines MacBooks ist ein sensibles Instrument, mit dem man präzise und intuitiv arbeiten kann. Doch selbst eine Woche nach dem Kauf fiel mir, dem jahrelangen Nutzer eines PC-Notebooks, die Umstellung immer noch schwer.

Der Browser stürzte nach unten, auf den Footer einer Website, dann vergrößerte sich mit einer unbedachten Bewegung der Bildschirminhalt. Dies kontrolliert nachzuvollziehen gelang mir aber zunächst nicht. Durch die Textverarbeitung stolperte ich auf dem neuen Gerät ebenfalls, als sei ich betrunken. Ich musste vieles loswerden, was über die Jahre in Fleisch und Blut übergegangen war.

Die Entkoppelung automatischer Abläufe ruft ins Gedächtnis, wie körperlich das Arbeiten mit einem solchen Hightech-Spielzeug doch ist. Funktioniert sie ungestört, bleibt die eigene Verschmelzung mit Technik meist unbewusst.

Die Intensität dieser Verschmelzung wird auch durch die Bereitschaft bestimmt, etwas Nichtmenschliches nahe an sich heranzulassen. Unterschiede in den Nähegraden sind mit ein Grund, warum Diskussionen über den Gebrauch von Technik so schnell emotional werden können. „Nerds“, die den Computer in ihr Leben integriert haben und online ihren Alltag mit den verschiedenen Plattformen synchronisieren, die sie nutzen, stoßen dabei auf Späteinsteiger oder Verweigerer, für die das Gerät ein Fremdkörper bleibt (und ihnen im Beruf fast nur als Zumutung begegnet).

Man setzt sich über Organe auseinander: Was für manche wie eine von Nervengewebe umschlossene Prothese ist, bleibt für den anderen eine elektronische Fußfessel. Die Druckstelle lässt den Zwang spüren. Und die einen halten das Notebook stets griffbereit, nehmen es sogar mit ins Bett; andere haben das Zimmer ihres ausgezogenen Kindes in einen Computer-Arbeitsplatz umfunktioniert. Ein Ort, der abwesende Intimität fühlbar macht.